Zeugnis einer inneren Umkehr – Das Album „Dusk“ von „The The“

Die mimetische Natur des Begehrens erzeugt Rivalität und Konkurrenz. Das ist ihre soziale Komponente. Sie hat jedoch einen weiteren negativen Effekt: Sie verleitet den Menschen, bevorzugt Dinge zu begehren, die schwer zu erlangen sind. Das ist ihre psychologische Komponente. Wie kommt es dazu? Schon als Kind machen wir die Erfahrung, dass unsere Wünsche mit denen anderer kollidieren – speziell mit denen unserer erwachsenen Vorbilder. Wir wollen alles haben, was sie haben, und alles sein, was sie sind. Zwangsläufig zeigen sie uns regelmäßig unsere Grenzen auf. Ihrer Autorität haben wir nichts entgegenzusetzen. Wenn sie uns mit Verboten überziehen, können wir machtlosen Geschöpfe das nur frustriert hinnehmen. Im Umkehrschluss erscheint uns das Verbot nach und nach als sicherster Beleg für den tatsächlichen Wert des Begehrten. Warum sollten uns die Erwachsenen etwas Wertloses vorenthalten? Das Hindernis wird so zur Voraussetzung des Begehrens: „Gewalt und Wunsch sind nun miteinander verbunden. Das Subjekt kann erstere nicht mehr erleiden, ohne letzteren erwachen zu sehen“ (René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Fischer 1992, S. 218). Jedes Verbot erweckt ein Begehren. Je schärfer die Indizierung eines „jugendgefährdenden“ Films, desto größer der Wunsch der Jugendlichen, diesen auf irgendeine Art zu beschaffen. Die Erlangung des Begehrten wiederum lässt dessen Wert urplötzlich sinken. Dies verursacht den existenziellen Überdruss, den die britische Band The The in ihrem Song „True Happiness This Way Lies“ auf dem Album Dusk thematisiert. Jeder hat vermutlich schon einmal erlebt, wie etwas leidenschaftlich Begehrtes im Moment der Erfüllung seinen Reiz verliert:

And have you ever wanted something so badly
that it possessed your body
and your soul
through the night and through the day
until you finally get it!
And then you realise that it wasn’t what you wanted after all.
And then those self same sickly little thoughts
now go and attach themselves to something
… or somebody … new!
And the whole goddamn thing starts all over again.

Wenn eine Sache – oder eine Person – nur deshalb begehrenswert erscheint, weil sie schwer zu erlangen ist, so verblasst ihr Glanz zwangsläufig, sobald man sie besitzt. Ihr Wert bestimmt sich also nicht nach ihren objektiven Eigenschaften, sondern nach dem Widerstand, der ihrer Erlangung im Weg ist. Daraus resultiert die in „True Happiness This Way Lies“ beschriebene Flüchtigkeit eines Begehrens, das sich mit Leichtigkeit an immer neue Objekte „heftet“ und die Suche nach dauerhafter Erfüllung zu einer Sisyphusarbeit macht:

And someday, someday, someday you’ll come my way.
But when you put your arms around me
I’ll be looking over your shoulder for something new.

Die Rastlosigkeit des Menschen, der von seinen unstillbaren Wünschen beherrscht wird, bildet den roten Faden des wundervollen The The-Albums aus dem Jahr 1993. So heißt es im Song „Sodium Light Baby“:

From the day that we are born
Until the day we die
We are hostage to our heart’s desire.

Und in „Dogs of Lust”:

Here they come!
The dogs of lust

I keep reaching up
But they drag me back down
Wherever I try to hide
I will always be found.

Jonathan Cohen hebt in der amerikanischen Musikzeitschrift MAGNET die wiederkehrenden „I-crave-what-I-can’t-have laments“ als das Charakteristische des Albums hervor. Dinge zu begehren, die schwer zu erlangen sind und deren Besitz sie plötzlich wertlos erscheinen lässt: Für René Girard besteht darin die „ontologische Krankheit“ des Menschen, wie er in seiner literaturwissenschaftlichen Studie Figuren des Begehrens aus dem Jahr 1961 schreibt. „Ontologisch“, weil das unstillbare Begehren eine subjektiv empfundene „Seinsleere“ voraussetzt, der die vermutete „Seinsfülle“ der Anderen gegenübersteht. Hinter einem solchen Begehren stehe stets der Wunsch, ein Anderer zu sein. Dieser mache es zu einem „metaphysischen“ Begehren. Große Romanschriftsteller wie Flaubert, Stendhal, Dostojewski oder Proust enthüllen Girard zufolge die entscheidende Rolle des Anderen für die Dinge, auf welche sich das menschliche Begehren richtet.

Diese Einsicht ist keine Selbstverständlichkeit. Der Originaltitel von Girards Frühwerk lautet „Mensonge romantique et vérité romanesque“, also wörtlich „Romantische Lüge und Wahrheit des Romans“. Eine „romantische Lüge“ ist die verbreitete Illusion, dass ein direkter Weg vom Subjekt zum Objekt des Begehrens führt. Wir glauben, dass wir uns zu den Objekten unserer Begierde wegen deren intrinsischen Eigenschaften hingezogen fühlen. Verhindern können die perfekte Liaison folglich nur äußere Störfaktoren. Eine solche Konstellation bildet den Kern unzähliger „romantischer“ Komödien und Tragödien: Er liebt sie, und sie liebt ihn. Doch die böse Gesellschaft verhindert, dass die schicksalhaft füreinander Geschaffenen zusammenkommen – wie die zwei Königskinder in der klassischen Ballade. Die „Wahrheit des Romans“ ist gleichbedeutend mit der Entlarvung dieser romantischen Lüge. Voraussetzung dafür ist Girard zufolge ein Gesinnungswandel des Autors mit mehr oder weniger explizitem religiösem Charakter, der sich in einer entsprechenden inneren Umkehr seines Romanhelden widerspiegelt. Nur wer durch die Hölle des metaphysischen Begehrens gegangen und geläutert aus ihr herausgekommen ist, kann diese Erfahrung wahrheitsgemäß nacherzählen. Flaubert habe einmal gesagt, er selbst sei Emma Bovary, die Protagonistin seines berühmten Romans, die es nicht mit sich selbst und ihrer prosaischen Lebenswirklichkeit aushält und so sein will wie die Heldinnen der Kitschhefte, die sie liest. Die großen Romane, so Girard, seien immer „die Frucht einer überwundenen Faszination“ (Figuren des Begehrens, Thaur 1999, S. 307).

Nun ist Matt Johnson, Kopf, Sänger und Texter von The The, kein Girardianer. Er stößt – vielleicht ja genrebedingt – nicht wie die großen Romanschriftsteller zu den mimetischen Wurzeln des metaphysischen Begehrens vor. Doch findet sich in seinen Texten das von Girard beschriebene Element der religiösen Umkehr im Angesicht quälender Begierden. Dieses religiöse, und zwar deutlich christliche Element gibt den Songs ihren berührenden Charakter, den Jonathan Cohen als „cautiously hopeful“, „vorsichtig hoffnungsvoll“ kennzeichnet. Ein Beispiel dafür ist „Lonely Planet“, der abschließende Song des Albums. Das lyrische Ich erkennt in der selbstsüchtigen Natur des menschlichen Begehrens die Ursache für die Probleme, mit denen eine wachsende Erdbevölkerung konfrontiert wird. Es ist jedoch bereit, sein egoistisches Begehren aufzugeben und mit Gottes Hilfe einen inneren Wandel zu vollziehen:

Lord, take me by the hand
lead me through these desert sands
To the shores of a promised land

You make me start when you look into my heart
And see me for who I really am.

Es ist die christliche Hoffnung auf Erlösung, die aus diesen Zeilen spricht. Das Vertrauen in Gott und der Glaube, von Gott erkannt worden zu sein, führen zu einer neuen Bejahung des diesseitigen Lebens und zur Fähigkeit, die eigene Isolation zu durchbrechen:

I’m in love
with the planet I’m standing on
I can’t stop
I can’t stop thinking of
All the people I’ve ever loved
All the people I have lost
All the people I’ll never know
All the feelings I’ve never shown.
The world’s too big. And life’s too short.
To be alone . . . To be alone.

Dass Gott in des Menschen Herz schaut, ihn „erkennt”, also liebt, befähigt diesen, seine Mitwelt zu lieben. Die Liebe Gottes ist der Quell irdischen Glücks. Sie bildet den Gegenpol zu einem destruktiven, unstillbaren und rastlosen Begehren, das – wie René Girard gezeigt hat – in Wirklichkeit ein Streben nach dem Sein des Anderen ist. Deshalb kann man auch Dusk als die „Frucht einer überwundenen Faszination“ betrachten. Kein Text illustriert dies jedoch eindrucksvoller als der des zweiten Songs mit dem biblischen Titel „Love is Stronger Than Death“, den Matt Johnson unter dem Eindruck des Todes seines Bruder schrieb. „Stark wie der Tod ist die Liebe“, heißt es im Hohelied Salomos (Hld 8,6), und „Die Liebe hört niemals auf“ im ersten Paulus-Brief an die Korinther (1 Kor 13,8). Die Liebe Gottes zieht dem Tod seinen Stachel. Das ist die tröstliche Botschaft des Christentums, eingraviert auf zahllosen Grabsteinen und musikalisch verewigt durch Matt Johnson in einem der schönsten Songs der Popgeschichte:

Here come the blue skies Here comes springtime.
When the rivers run high and the tears run dry.
When everything that dies
Shall rise.

LoveLoveLove is stronger than death.
LoveLoveLove is stronger than death.

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