„Jedenfalls wurde der Mensch durch die Zivilisation, wo nicht noch blutrünstiger, so doch gewiss blutrünstig auf üblere, gemeinere Art. Früher hielt er das Blutvergießen für Gerechtigkeit und vertilgte mit ruhigem Gewissen, wen er zu vertilgen hatte; jetzt aber halten wir das Blutvergießen zwar für eine Gemeinheit, können aber von dieser Gemeinheit nicht lassen und treiben es ärger denn je. Was ist schlimmer? – Entscheiden Sie selbst.“

Fjodor Dostojewskij, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Im Gedenken an René Girard

/http://news.stanford.edu/news/2015/november/rene-girard-obit-110415.html

Eine konservative Politikerin hat jüngst vor der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben gewarnt, da man diese altehrwürdige Institution dann auch für weitere Formen der Partnerschaft – wie z.B. zwischen engen Verwandten oder zwischen mehr als zwei Partnern – öffnen müsse. Die daraus entstandene hitzige Debatte um die „Homoehe“ als potenzielle Gefährdung einer traditionellen Institution zeigt in nuce das Dilemma des Institutionellen ganz allgemein, das der Mimetischen Theorie René Girards zufolge als eine Fortsetzung des Sakralen verstanden werden kann. Es stellt in Übereinstimmung mit dem bekannten Bibelwort den Versuch dar, „den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben“, d.h. es ist gleichzeitig ein Mittel gegen die Gewalt und trägt diese in sich, wie es die Doppelbedeutung des lateinischen Wortes sacer – heilig/verflucht – suggeriert.
>>> Weiterlesen

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs heißt es heute, die Nationen seien in diese bis dahin blutigste Konfrontation der Menschheitsgeschichte „hineingeschlittert“. Das ist ein Paradigmenwechsel, da bisher meist Deutschland allein oder hauptsächlich für die kriegerische Zuspitzung der Ereignisse nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers verantwortlich gemacht wurde. Man könnte sagen, dass in der öffentlichen Debatte die mythische Betrachtungsweise einem anthropologischen Realismus weicht, dessen geschichtliche Verortung im Mittelpunkt von René Girards Achever Clausewitz steht. In diesen Tagen erscheint Girards Werk aus dem Jahr 2007 endlich auf Deutsch.
>>> Weiterlesen

In den drei synoptischen Evangelien wird übereinstimmend berichtet, dass mit dem Kreuzestod Jesu der Vorhang im Tempel „von oben bis unten“ oder „mittendurch“ zerriss. Was auf den ersten Blick als Ornament erscheint, als eine Ausschmückung des von Wundern begleiteten Kreuzigungsereignisses, hat aus Sicht der mimetischen Theorie René Girards eine tiefere Bedeutung. Wie bei anderen Bibelstellen fordert Girard auch hier dazu auf, ihren Wortlaut entgegen dem liberalen Zeitgeist nicht weniger wörtlich, sondern so wörtlich bzw. ernst wie nur möglich zu nehmen. Konkret heißt das nicht, blind an dieses kleine Wunder zu glauben, sondern seine Symbolik zu verstehen, die ein viel größeres Wunder offenbart.
>>> Weiterlesen

Der mimetischen Theorie René Girards zufolge beginnt die Menschwerdung mit einem kollektiven Mord. Das Anwachsen des Mimetismus unter den Hominiden verstärkt die Gefahr, dass tierische Aggression nicht mehr durch die Bildung einer Rangordnung kontrolliert werden kann. In einer solchen Rangordnung wird das die Gruppe dominierende Tier durchaus nachgeahmt. Diese Nachahmung wird jedoch niemals zur „Aneignungsmimesis“, sie führt also nicht zu einer Konkurrenz mit dem Ranghöchsten um seinen Status. Alle Güter stehen zuerst ihm zu, und alle anderen erhalten, was er ihnen freiwillig überlässt. Seine Dominanz gewährleistet die Stabilität der Gruppe.
>>> Weiterlesen

Alfred Hitchcocks Meisterwerk Vertigo ist die Geschichte einer zerstörten Illusion. Mit seiner Demaskierung des romantischen Liebesideals könnte der Filmregisseur ebenso als Kronzeuge für die mimetische Theorie René Girards dienen wie die von Girard zu diesem Zwecke herangeführten Autoren der Weltliteratur. Die Unterscheidung zwischen „romantischer Lüge“ und „romanesker Wahrheit“, die Girard in seinem frühen Werk Mensonge romantique et verité romanesque aus dem Jahr 1961 trifft, lässt sich wie eine Folie über Hitchcocks drei Jahre zuvor entstandenen Film legen.
>>> Weiterlesen

Der Offenbarungscharakter des Christentums besteht darin, den Menschen die Wahrheit über die Mechanismen menschlicher Gewalt zu enthüllen und Ihnen dadurch einen Weg der Versöhnung zu weisen. So René Girard in seiner Mimetischen Theorie. Die Schilderung der Kreuzigung in den Evangelien hält den Menschen einen Spiegel vor und zeigt ihnen ihre Bösartigkeit. Deshalb heißt es bei Johannes: „Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind“ (Joh 7,7). Ein zentraler Bestandteil des Christentums ist daher die Idee der Umkehr. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ fordert Jesus im Markus-Evangelium. Umkehr ist gleichbedeutend mit Buße, und so wird die zitierte Bibelstelle auch übersetzt mit „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“.
>>> Weiterlesen

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: