Ein Zaunstreicher entdeckt das Gesetz des Begehrens

Gott hat Adam und Eva erlaubt, von den Früchten aller Bäume zu essen, bis auf einen. Das stellt für das erste Menschenpaar zunächst auch kein Problem dar. Um es für den verbotenen Baum zu interessieren, bedarf es in Übereinstimmung mit René Girards mimetischer Theorie eines Dritten, eines Modells. Erst als die Schlange, „schlauer als alle Tiere des Feldes“, die verbotenen Früchte als etwas Besonderes preist, meint Eva, „dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war…“ Das Modell des Begehrens hat die Kraft, aus etwas Unscheinbarem eine außergewöhnliche Sache zu machen. Es verleiht dem Objekt der Begierde den Glanz, der es überhaupt erst begehrenswert aussehen lässt. Diesen Mechanismus macht sich auch eine der populärsten Figuren der Weltliteratur zunutze.

Tom streicht einen ZaunIn der berühmten Episode „The Glorious Whitewasher“ seines Romans The Adventures of Tom Sawyer bringt Mark Twains Titelheld seine gleichaltrigen Dorfgenossen dazu, ihm eine lästige Strafarbeit abzunehmen. Nach der Schlägerei mit einem Jungen, der neu im Dorf ist, kehrt Tom spät an einem Freitagabend mit zerrissenen Kleidern nach Hause zurück. Seine Tante, bei der Tom wohnt, ist nicht begeistert. Sie verdonnert ihn dazu, als Strafe für sein Benehmen am schulfreien Samstag den 30 Meter langen Zaun zu streichen, der das Grundstück umgibt. Um diese unangenehme Pflicht loszuwerden, bedient sich der clevere Faulenzer einer List. Er tut gegenüber den zufällig vorbeikommenden Kindern, deren Spott ihm sicher ist, so, als bereite ihm die verhasste Tätigkeit gar Vergnügen. Seine Rolle spielt er so überzeugend, dass mehr und mehr Kinder ihn geradezu anbetteln, doch auch ein paar Pinselstriche machen zu dürfen. Das Ende ist bekannt: Tom schafft es, die ihm aufgetragene Arbeit komplett zu delegieren, und lässt sich seine „Großzügigkeit“ auch noch bezahlen.

In der Terminologie der mimetischen Theorie wird Tom für seine Gefährten zum „Modell-Hindernis“. Als Modell weckt er in ihnen den Wunsch, es ihm gleichzutun, ihn also nachzuahmen. Gleichzeitig stellt er sich dem in ihnen geweckten Begehren in den Weg und verstärkt es noch, indem er nicht ohne weiteres seinen Platz räumt. Großen Dichtern der Weltliteratur wie Dostojewski, Stendhal oder Flaubert kommt René Girard zufolge das Verdienst zu, das mimetische Begehren als Fundament menschlicher Verhaltensweisen aufgedeckt zu haben. In diese Reihe kann man getrost auch Mark Twain stellen. Denn der amerikanische Schriftsteller lässt seinen Erzähler in erstaunlicher Klarheit die anthropologische Bedeutung hervorheben, die dem Verhalten des Protagonisten zukommt. Tom, so der Erzähler, habe nämlich mit der erfolgreichen Anwendung seiner List unbewusst „eine bedeutende Gesetzmäßigkeit des menschlichen Verhaltens“ entdeckt: Um eine Sache begehrenswert zu machen, sei es lediglich notwendig, ihre Erlangung zu erschweren. („He had discovered a great law of human action, without knowing it – namely, that in order to make a man or a boy covet a thing, it is only necessary to make the thing difficult to attain.”)

Wie René Girard in „Figuren des Begehrens” betont, ist es das Prestige des Vorbilds oder „Mittlers“, worauf sich das mimetische Begehren letztlich richtet: „Das Prestige des Mittlers überträgt sich auf das begehrte Objekt und verleiht letzterem einen trügerischen Wert“ und „Das Objekt ist nur ein Mittel, um den Mittler zu erreichen. Eigentlich zielt das Begehren auf das Wesen des Mittlers ab.“ Wenn Toms Nachahmer freiwillig den Pinsel in die Hand nehmen, so imitieren sie den von Tom so perfekt gespielten Künstler, der sein „Werk“ vergnügt betrachtet, indem er prüfend einen Schritt zurücktritt, hier und da ein wenig nachbessert und noch einmal das Ergebnis begutachtet: ein jugendlicher Michelangelo, für den es offenbar keine erhebendere Tätigkeit an einem sonnigen Samstagmorgen gibt.

In einer Welt ohne Gott werden die Menschen zu Göttern füreinander und streben danach, an der auf den Anderen projizierten Göttlichkeit teilzuhaben. Das ist René Girard zufolge die von den großen Romanschriftstellern offenbarte Erkenntnis. Huckleberry Finn besitzt in den Augen Toms und der anderen Jungs alle Privilegien, die ihnen selbst zum wahren Glück fehlen. Er hat keinerlei Verpflichtungen, geht nicht zur Schule, bleibt so lange auf, wie er will, läuft barfuß herum, flucht und schimpft, wie er möchte etc.: „In a word, everything that goes to make life precious that boy had.“ Jeder der Dorfjungen würde sofort seine Existenz gegen die Huckleberry Finns eintauschen.

Und auch die Erwachsenen erliegen in Mark Twains Roman der Strahlkraft des Vorbilds, wenn sie sich zum Beispiel im Glanz des fremden Besuchers sonnen, der den sonntäglichen Gottesdienst in Toms Heimatdorf durch seine Gegenwart beehrt. Es handelt sich um den Richter des zuständigen Landgerichts, eine würdevolle Erscheinung, weitgereist (nämlich aus der 20 Kilometer entfernten Kreisstadt) und weltläufig. Mit feiner Ironie schildert der Erzähler, wie sich die Anwesenden darin überbieten, die Aufmerksamkeit des exotischen Gastes zu erlangen. Dieser jedoch thront majestätisch über der Szenerie und sonnt sich in seiner strahlenden Größe: „And above it all the great man sat and beamed a majestic judicial smile upon all the house, and warmed himself in the sun of his own grandeur…“ Mark Twain hat einen ausgeprägten Sinn für die Lächerlichkeit dieses nichtsdestotrotz allzu menschlichen Gebarens. Er gehört damit zu den herausragenden Romanciers, die den anthropologischen Voraussetzungen menschlichen Verhaltens auf den Grund gehen und damit „Aufklärung“ im besten Sinne betreiben.

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