Der Mensch ist das nachahmungsfähigste Lebewesen. Die Erkenntnis, dass diese bereits von Aristoteles festgestellte Eigenart das Begehren des Menschen einschließt, bildet den Kern der mimetischen Theorie René Girards. Mimesis = Nachahmung. Menschen imitieren andere Menschen nicht nur bewusst, zu Unterhaltungszwecken, wie zu Aristoteles‘ Zeit die griechischen Schauspieler auf der Bühne. Sie kopieren zudem unbewusst im täglichen Leben die Absichten ihrer Mitmenschen, lassen sich von ihnen manipulieren und verführen. Die Mimesis ist eine wichtige Triebfeder menschlichen Zusammenlebens. Eltern wissen ein Lied davon zu singen. Das dem einen Kind gemachte Geschenk kann man dem anderen auf Dauer nicht vorenthalten, ohne dass es zum Streit kommt. Die Ursache liegt darin, dass das eine Kind den Wunsch des anderen kopiert und zu seinem eigenen macht.
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Ostern ist in der christlichen Tradition das Fest der Auferstehung. Es geht zurück auf die Ereignisse im Anschluss an die Kreuzigung Jesu, wie sie in den Evangelien berichtet werden. Bevor der auferstandene Jesus den Jüngern erscheint, wird sein leeres Grab entdeckt. Dass der Tote sich dort nicht mehr befindet, ist im biblischen Kontext das erste Indiz für die Wahrheit seiner Auferstehung, wie sie Jesus seinen Anhängern prophezeit hatte. Das leere Grab hat aber für den Religionsphilosophen und Anthropologen René Girard noch eine andere Bedeutung.
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In seinem Artikel „Lynching Qaddafi“ setzt sich Mark Anspach kritisch mit der brutalen Ermordung des libyschen Diktators auseinander. Die Art und Weise, in der Gaddafi von einem wütenden Mob gelyncht wurde, hält Anspach für ein Überbleibsel des archaischen Sündenbockmechanismus, wie er von René Girard beschrieben wurde. Demnach zieht der Sündenbock den kollektiven Hass auf sich, um in Krisenzeiten durch die kathartische Wirkung seiner Opferung den Aufbau einer neuen Ordnung zu ermöglichen.
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Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler bauet und schmücket der Gerechten Gräber und sprecht: Wären wir zu unsrer Väter Zeiten gewesen, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden an der Propheten Blut! So gebt ihr über euch selbst Zeugnis, daß ihr Kinder seid derer, die die Propheten getötet haben. Wohlan, erfüllet auch ihr das Maß eurer Väter!

Jesu Worte im 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums richten sich gegen die Gesetzeshüter der religiösen Gemeinschaft, der er selbst angehört. Sie sind auf den ersten Blick rätselhaft. Was ist falsch daran, den ermordeten Propheten Grabmäler zu errichten und sich von den Bluttaten der „Väter“ zu distanzieren? Der tiefere Sinn dieser Bibelstelle offenbart sich René Girard zufolge, wenn man sie im Kontext seiner anthropologischen Theorie vom Sündenbock liest. Dann kann sie auch zu einem besseren Verständnis des schwierigen Umgangs der Deutschen mit ihrer Vergangenheit beitragen, der sich in einem der größten Politikerskandale der Nachkriegszeit kristallisiert: der umstrittenen Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der sogenannten „Reichskristallnacht“.
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Inmitten der Medienspekulationen, wie lange sich der wegen eines privaten Kreditgeschäfts in der Kritik stehende Bundespräsident Christian Wulff noch im Amt halten kann, macht der Politikwissenschaftler Franz Walter auf SPIEGEL ONLINE die interessante Beobachtung, dass Skandale dieser Art auch eine reinigende Kraft haben. Neben der berechtigten Überwachung des Handelns unserer Politiker scheine es darüber hinaus „ein anthropologisches Bedürfnis nach einem Ventil des Skandals zu geben.“ Skandale würden geradezu inszeniert, und zwar „nach dem Muster des Bühnenstücks, das Schurken und Helden kennt, Aufstieg, Ruhm und Fall darstellt.“ Walter geht dieser Beobachtung nicht weiter nach, obwohl sie weitreichende Konsequenzen hat. Wenn es tatsächlich ein „anthropologisches Bedürfnis“ nach Skandalen gibt, dann erscheint die Schuldfrage zwangsläufig in einem anderen Licht. Dann ist der Protagonist des Skandals, der „Übeltäter“, zumindest auch das Opfer einer gesellschaftlichen Dynamik, die ihre eigenen Interessen verfolgt. Doch wie erklärt sich diese Dynamik, und woher kommt genau die „reinigende Kraft“ des Skandals?
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In ihrem Artikel vom 8.11.2011 auf der Webseite des französischen Magazins L’Express bringt Christine Kerdellant die vielfach beschworene „Ansteckungsgefahr“ der gegenwärtigen Krise mit René Girards mimetischer Theorie in Zusammenhang. Sie stellt zunächst fest, dass „Ansteckung“ das Modewort der Krise ist. Das kann man bei einem Blick in die deutschen Medien nur bestätigen. „Eurokrise erfasst Versicherer. Aufseher befürchten Ansteckung“ meldet n-tv am 24.10.2011. „Ansteckung: Euro-Krise greift auf Osteuropa über“ heißt es am 14.11.2011 auf dem Online-Portal der Financial Times Deutschland. „Wir haben die Ansteckung im ganzen Euro-Raum“, wird Finanzminister Schäuble am 29.11.2011 auf der Webseite des Handelsblatts zitiert. Mit den Worten Kerdellants ist „Ansteckung“ ein wahres Schreckgespenst für die europäische Staatengemeinschaft. Die Autorin vergleicht die derzeitige Aufgeregtheit mit der Angst vor der Schweinegrippe, die so übertrieben wie kostspielig für die öffentlichen Finanzen gewesen sei.
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Offenbar ermordete ein Neonazi-Trio aus Jena zwischen 2000 und 2006 in unregelmäßigen Abständen und in scheinbar beliebigen Orten neun Kleinunternehmer, die alle einen türkischen oder griechischen Migrationshintergrund hatten. Nach dem Selbstmord der zwei männlichen Terroristen und der Festnahme ihrer mutmaßlichen Komplizin beschäftigt sich Deutschland vor allem mit dem Versagen der Geheimdienste und der Polizei, die jahrelang eine falsche Fährte verfolgten und vor allem im Bereich der organisierten Kriminalität ermittelten. Was sind aber die Wurzeln terroristischer Gewalt? Was treibt die Attentäter an? Erst im Sommer dieses Jahres hatte der Norweger Anders Breivik ein Massaker in einem Jugendcamp der norwegischen Arbeiterpartei angerichtet. Kann die mimetische Theorie René Girards zum Verständnis solcher Gewalttaten beitragen?
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Am 6. Oktober 2011 berichtete Angelika Franz bei SPIEGEL ONLINE von der Entdeckung einer neuen Moorleiche in Irland. Es handelt sich dabei offenbar um einen König aus der Keltenzeit, der seinen Verletzungen zufolge auf grausame Weise umgebracht worden war. Zuvor hatte es bereits ähnliche Funde gegeben. Warum aber haben die Kelten ihre Oberhäupter getötet? Franz befragte dazu einen Mitarbeiter des Irischen Nationalmuseums. Dieser stellte die folgende These auf: Die Kelten sahen in ihren Königen Stellvertreter der Sonne. Die Sonne stellte den männlichen Gegenpart zur weiblichen Erde dar. Das hieß, dass die Könige aus Sicht der Kelten im Prinzip mit der Erde „verheiratet“ waren. Man habe angenommen, dass im Winter die Erdgöttin alt und gebrechlich geworden sei und zur Revitalisierung einen neuen Gatten benötigte. Dies habe die Tötung des alten und die Einsetzung eines neuen Königs notwendig gemacht.
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Dieses Blog widmet sich dem Denken des Literaturwissenschaftlers, Anthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Begegnet bin ich seinem Werk in den 1990er Jahren als Student der Anglistik und Amerikanistik. Vor allem in den USA gab es einen regelrechten Boom theoretischer Fragestellungen in den Literaturwissenschaften. Es dominierte der Poststrukturalismus, der den Strukturalismus abgelöst hatte. Im Zentrum der theoretischen Debatten standen das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und die Frage, inwieweit das menschliche Denken durch sprachliche Strukturen bestimmt wird.
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