Der Haken an der von der Piratenpartei populär gemachten Schwarmintelligenz ist, dass es bekanntlich auch eine Schwarmdummheit gibt. Menschliches „Schwarmverhalten“ entsteht durch Nachahmung. Das kann man leicht testen, indem man in einer Menschenmenge plötzlich in die Luft schaut, als habe man etwas Außergewöhnliches entdeckt. Vermutlich werden es einem die direkten Nachbarn gleichtun, die dann wiederum ihre Nachbarn „anstecken“. Aus gleichgültigen Individuen wird eine erregte Menge, die in ihrer Konzentration auf das vermutete Ereignis vereint und nun anfällig für Gerüchte aller Art ist. Eine solche Gruppendynamik kann die vielfältigsten Formen und Stärken annehmen und gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen. Eine Garantie dafür, dass nur „vernünftiges“, moralisch akzeptables Verhalten nachgeahmt wird, gibt es nicht. Ein besonders drastisches Beispiel aus der jüngeren Geschichte für die potenziell destruktive Kraft einer erregten Menge oder eines aufgestachelten Mobs ist der Genozid in Ruanda.
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Viele Menschen wissen auch 11 Jahre später noch, wo sie am 11. September 2001 waren, als islamistische Terroristen in gekaperten Flugzeugen die beiden Türme des World Trade Centers in New York zum Einsturz brachten. Vielleicht liegt das am „heiligen Schrecken“, den solche Katastrophen verursachen und der sich in der paradoxen Doppelbedeutung „heilig“ und „verflucht“ des lateinischen Wortes sacer niedergeschlagen hat. Und der wohl auch für die irritierenden Äußerungen des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen verantwortlich ist, der in einem Pressegespräch auf die Frage eines Journalisten nach seinen persönlichen Empfindungen zu den Attentaten nur fünf Tage später erklärte:

Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat. Daß also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, daß Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben. [Zögert.] Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. (Quelle: http://www.stockhausen.org/hamburg.pdf)
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Gott hat Adam und Eva erlaubt, von den Früchten aller Bäume zu essen, bis auf einen. Das stellt für das erste Menschenpaar zunächst auch kein Problem dar. Um es für den verbotenen Baum zu interessieren, bedarf es in Übereinstimmung mit René Girards mimetischer Theorie eines Dritten, eines Modells. Erst als die Schlange, „schlauer als alle Tiere des Feldes“, die verbotenen Früchte als etwas Besonderes preist, meint Eva, „dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war…“ Das Modell des Begehrens hat die Kraft, aus etwas Unscheinbarem eine außergewöhnliche Sache zu machen. Es verleiht dem Objekt der Begierde den Glanz, der es überhaupt erst begehrenswert aussehen lässt. Diesen Mechanismus macht sich auch eine der populärsten Figuren der Weltliteratur zunutze.
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Die mimetische Natur des Begehrens erzeugt Rivalität und Konkurrenz. Das ist ihre soziale Komponente. Sie hat jedoch einen weiteren negativen Effekt: Sie verleitet den Menschen, bevorzugt Dinge zu begehren, die schwer zu erlangen sind. Das ist ihre psychologische Komponente. Wie kommt es dazu? Schon als Kind machen wir die Erfahrung, dass unsere Wünsche mit denen anderer kollidieren – speziell mit denen unserer erwachsenen Vorbilder. Wir wollen alles haben, was sie haben, und alles sein, was sie sind. Zwangsläufig zeigen sie uns regelmäßig unsere Grenzen auf. Ihrer Autorität haben wir nichts entgegenzusetzen. Wenn sie uns mit Verboten überziehen, können wir machtlosen Geschöpfe das nur frustriert hinnehmen. Im Umkehrschluss erscheint uns das Verbot nach und nach als sicherster Beleg für den tatsächlichen Wert des Begehrten. Warum sollten uns die Erwachsenen etwas Wertloses vorenthalten? Das Hindernis wird so zur Voraussetzung des Begehrens: „Gewalt und Wunsch sind nun miteinander verbunden. Das Subjekt kann erstere nicht mehr erleiden, ohne letzteren erwachen zu sehen“ (René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Fischer 1992, S. 218). >>> Weiterlesen

Der Mensch ist das nachahmungsfähigste Lebewesen. Die Erkenntnis, dass diese bereits von Aristoteles festgestellte Eigenart das Begehren des Menschen einschließt, bildet den Kern der mimetischen Theorie René Girards. Mimesis = Nachahmung. Menschen imitieren andere Menschen nicht nur bewusst, zu Unterhaltungszwecken, wie zu Aristoteles‘ Zeit die griechischen Schauspieler auf der Bühne. Sie kopieren zudem unbewusst im täglichen Leben die Absichten ihrer Mitmenschen, lassen sich von ihnen manipulieren und verführen. Die Mimesis ist eine wichtige Triebfeder menschlichen Zusammenlebens. Eltern wissen ein Lied davon zu singen. Das dem einen Kind gemachte Geschenk kann man dem anderen auf Dauer nicht vorenthalten, ohne dass es zum Streit kommt. Die Ursache liegt darin, dass das eine Kind den Wunsch des anderen kopiert und zu seinem eigenen macht.
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Ostern ist in der christlichen Tradition das Fest der Auferstehung. Es geht zurück auf die Ereignisse im Anschluss an die Kreuzigung Jesu, wie sie in den Evangelien berichtet werden. Bevor der auferstandene Jesus den Jüngern erscheint, wird sein leeres Grab entdeckt. Dass der Tote sich dort nicht mehr befindet, ist im biblischen Kontext das erste Indiz für die Wahrheit seiner Auferstehung, wie sie Jesus seinen Anhängern prophezeit hatte. Das leere Grab hat aber für den Religionsphilosophen und Anthropologen René Girard noch eine andere Bedeutung.
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In seinem Artikel „Lynching Qaddafi“ setzt sich Mark Anspach kritisch mit der brutalen Ermordung des libyschen Diktators auseinander. Die Art und Weise, in der Gaddafi von einem wütenden Mob gelyncht wurde, hält Anspach für ein Überbleibsel des archaischen Sündenbockmechanismus, wie er von René Girard beschrieben wurde. Demnach zieht der Sündenbock den kollektiven Hass auf sich, um in Krisenzeiten durch die kathartische Wirkung seiner Opferung den Aufbau einer neuen Ordnung zu ermöglichen.
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