Die Ehe und die Liebe

Eine konservative Politikerin hat jüngst vor der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben gewarnt, da man diese altehrwürdige Institution dann auch für weitere Formen der Partnerschaft – wie z.B. zwischen engen Verwandten oder zwischen mehr als zwei Partnern – öffnen müsse. Die daraus entstandene hitzige Debatte um die „Homoehe“ als potenzielle Gefährdung einer traditionellen Institution zeigt in nuce das Dilemma des Institutionellen ganz allgemein, das der Mimetischen Theorie René Girards zufolge als eine Fortsetzung des Sakralen verstanden werden kann. Es stellt in Übereinstimmung mit dem bekannten Bibelwort den Versuch dar, „den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben“, d.h. es ist gleichzeitig ein Mittel gegen die Gewalt und trägt diese in sich, wie es die Doppelbedeutung des lateinischen Wortes sacer – heilig/verflucht – suggeriert.

Girards Theorie zufolge ist alles, was unter „Kultur“ im weitesten Sinne verstandenen werden kann, und damit auch unsere Institutionen, aus dem Urereignis einer „mimetischen“ Krise der Gewalt hervorgegangen, die nur durch die Fokussierung der durch endlose Nachahmung (Mimesis) eskalierenden Feindseligkeiten auf ein stellvertretendes Opfer, einen „Sündenbock“, in eine neue Ordnung münden konnte. Der getötete Sündenbock absorbierte die negativen Energien und erschien der unversehens von ihren Unruhen geheilten Gemeinschaft als Friedensstifter. Dadurch erwarb er eine Aura, welche die Gemeinschaft so stark in ihren Bann zog, dass sie kultische Praktiken entwickelte, die direkt aus dem Erlebten hervorgingen. Sie reproduzierte die als magisch erscheinende Heilung in ihren Mythen und Ritualen. Sie leitete ihre Regeln und Verbote von diesem Urereignis ab und schuf Institutionen, um die penible Einhaltung der Vorschriften zu gewährleisten.

Institutionen haben also von ihrem Ursprung her die Aufgabe, die aus dem Chaos hervorgegangene Struktur zu erhalten, um einer neuen Krise vorzubeugen. Sie hegen und pflegen die Differenzierungen innerhalb der Gesellschaft und produzieren auf diese Weise die Bedeutungen, welche die Identität einer Gesellschaft stiften. Sie definieren das Oben und Unten, das Richtig und Falsch, das Innen und Außen. Ihr „sakrifizieller“ Charakter besteht darin, dass sie die im Ursprungsszenario vollzogene Trennung zwischen der Gemeinschaft und den nicht der Gemeinschaft zugehörigen Elementen fortsetzen und in analoger Weise über Inklusion und Exklusion entscheiden. Sie stehen damit auf der einen Seite in der Tradition der Gewalt und helfen andererseits dabei, sie zu domestizieren. Denn eine geordnete Gesellschaft ist eine friedliche Gesellschaft, und der Verlust der Ordnung geht häufig einher mit einem Aufflammen der Gewalt. Institutionen sind somit Teufel und Beelzebub in einem und haben den ambivalenten Charakter, der viele Ethnologen fasziniert hat und erst durch Girards Theorie erklärbar wird.

Die Kritik an den Institutionen gehört zu den Wesensmerkmalen der Moderne. Ihr repressiver Aspekt rückt in der Gegenwart mehr und mehr in den Vordergrund, ihre ordnende Funktion mehr und mehr in den Hintergrund. Warum ist das so? Haben wir es mit den Vorboten einer neuen Krise zu tun, welche die modernen Gesellschaften ins Verderben stürzt? Aus der Sicht der Mimetischen Theorie ist der Ausgangspunkt dieser Institutionenkritik die mit dem Christentum einsetzende „Entsakralisierung“. Auf den ersten Blick erscheint eine solche Auffassung abwegig, da das Christentum selbst als Teil des Sakralen wahrgenommen wird, was für das institutionalisierte, „kirchliche“ Christentum wenigstens teilweise auch zutrifft. Doch gibt es im Christentum eine merkwürdige Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Als Institution konnte es so mächtig werden wie es heute ist und die Welt erobern. Als Institution hat es immer noch einen maßgeblichen Anteil an der Strukturierung des Alltags in den westlichen Gesellschaften.

Doch bekanntlich war Jesus als Begründer des Christentums gerade kein Vertreter der herrschenden Institutionen, sondern im Gegenteil ihr scharfer Kritiker. Den Pharisäern, also den Hütern der geltenden „Reinheitsgebote“, die ihn dafür tadeln, dass seine Jünger am Sabbat Ähren pflücken, entgegnet er: „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk2,27). Die Institutionen sollen den Menschen nicht einengen, ihn an seiner Entfaltung hindern, sondern dem Menschen dienen. Wenn Menschen hungern, wäre es unmenschlich, aus Rücksicht auf die kultischen Vorschriften nicht alles zu tun, um ihre Not zu lindern. So könnte man Jesus verstehen. Das jedoch ist eine dramatische Verschiebung. René Girard zufolge ist in vorchristlichen bzw. archaischen Gesellschaften die genaue Einhaltung kultischer Vorschriften unumgänglich. Die panische Angst vor den negativen Konsequenzen ihrer Nichteinhaltung und dem erwarteten „Zorn Gottes“ verhindert ein „menschliches“ Verhalten, wie es uns heute selbstverständlich erscheint.

Jesus begründet auch keinen neuen Kult, sondern in gewisser Weise eher eine Art „Antikult“. Vor seiner Kreuzigung gibt er seinen Jüngern Folgendes mit auf den Weg: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jüngerinnen und Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh13,34-35). Das einzige Gebot Jesu ist das Gebot der Liebe. Die Nachfolger Jesu soll man nicht an religiösen Symbolen erkennen, ihrer Kleidung, ihren Ritualen etc. Man soll sie daran erkennen, dass sie einander lieben. Insofern als strenge Gebote dieser Liebe potenziell entgegenstehen, ist Jesu Gebot also eher ein „Antigebot“.

Aus Sicht der Mimetischen Theorie stürzt das Christentum die Menschheit in ein Dilemma, wie es sich unter anderem an der Diskussion um eine Öffnung der Institution Ehe zeigt. Ihr vormals heilbringender Charakter tritt in der allgemeinen Wahrnehmung zurück hinter ihr repressives Potenzial, einem Teil der Bevölkerung die Privilegien zu verwehren, die einem anderen Teil gewährt werden. Die geforderte Liberalisierung der Institutionen wird als Zugewinn an individueller Freiheit verstanden. Doch ist die Menschheit wirklich in der Lage, diese neu gewonnene Freiheit anzunehmen, wie es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater fordert: „So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat“ (Gal 5,1)?

Für René Girard ist die „christliche Aufklärung“ als Folge des Wirkens und Leidens Jesu unaufhaltbar, so dass der konservative Widerstand gegen die fortschreitende Lockerung althergebrachter Gebote mehr und mehr als Rückzugsgefecht erscheint. Die neue Realität zu akzeptieren könnte auch heißen, das Dilemma als Chance zu begreifen. „Evangelium“ bedeutet schließlich „gute Nachricht“. Die gute Nachricht besteht darin, dass die Offenbarung der Geheimnisse des Sakralen, wie sie sich im Symbol des zerreißenden Tempelvorhangs widerspiegelt, die Hoffnung birgt auf ein Ende des Institutionellen als etwas, das trennt statt zu einen, sowie auf einen Anfang echter Brüderlichkeit. Man sollte dieser guten Nachricht jedoch wünschen, dass sie nicht nur das konservative, sondern auch das „liberale“ Lager erreicht. Denn auch die Reform der Institutionen bleibt in der letzten Konsequenz häufig dem Archaisch-Institutionellen verhaftet, schafft, wo sie ein Unrecht beseitigt, neues Unrecht, und weckt neue Begehrlichkeiten. Der Teufel lässt sich eben nicht durch den Beelzebub austreiben. Als Alternative bietet das Christentum der Menschheit die Option, zukünftig ein Gebot über alle anderen zu stellen – das Gebot der Liebe. Daher möchte man allen schwulen und lesbischen Heiratswilligen, die – bewusst oder unbewusst – in der Tradition des Christentums ihre Freiheitsrechte einfordern, zurufen: Wenn Ihr Euch nicht ehelichen dürft, so habt Ihr doch etwas, das unendlich größer ist als die Ehe und das Euch niemand nehmen kann, und das ist Eure Liebe.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: