Krieg und Apokalypse

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs heißt es heute, die Nationen seien in diese bis dahin blutigste Konfrontation der Menschheitsgeschichte „hineingeschlittert“. Das ist ein Paradigmenwechsel, da bisher meist Deutschland allein oder hauptsächlich für die kriegerische Zuspitzung der Ereignisse nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers verantwortlich gemacht wurde. Man könnte sagen, dass in der öffentlichen Debatte die mythische Betrachtungsweise einem anthropologischen Realismus weicht, dessen geschichtliche Verortung im Mittelpunkt von René Girards Achever Clausewitz steht. In diesen Tagen erscheint Girards Werk aus dem Jahr 2007 endlich auf Deutsch.

Wer hat angefangen? Das ist die mythische Frage par excellence, wenn es um zwischenmenschliche Gewalt geht. So Girard in Das Heilige und die Gewalt: In seiner Textanalyse von Sophokles‘ König Ödipus zeigt Girard, wie die griechische Tragödie die Klärung der Schuldfrage „dekonstruiert“. Der Anklage gegen Ödipus, König von Theben, gehen die gegenseitigen Schuldzuweisungen der drei Protagonisten Ödipus, Kreon und Teiresias voraus. Jeder der drei scheint zu ahnen, dass an einem von ihnen die Verantwortung schließlich kleben bleiben wird, denn so hatte es das Orakel prophezeit: Erst die Ermittlung und Bestrafung des Mörders von Ödipus’ Vorgänger auf dem Thron werde die Pestseuche beenden, welche die Stadt heimsucht. Und so versuchen alle drei, ihre Haut zu retten, indem sie die Schuld einem der anderen beiden anzuhängen versuchen. Da Sophokles den konfliktuellen Charakter dieser kuriosen „Wahrheitsfindung“ hervorhebe, aus der Ödipus schließlich als allein Schuldiger hervorgeht, nehme er seinem tragischen Helden einen Teil der Schuld ab – für Girard eine frühe aufklärerische Leistung.

Tatsächlich sind alle gleich schuldig, so laut Girard die subversive Botschaft, welche der antike Text transportiert. Diese Botschaft will jedoch niemand hören, denn sie hat etwas Beängstigendes. Wenn Menschen oder Völker in den Worten des Historikers Christopher Clark „schlafwandlerisch“ in eine gewaltsame Auseinandersetzung geraten können, dann erscheint deren Verhinderung als ein schwieriges, wenn nicht aussichtloses Unterfangen. „Schlafwandlerisch“ bedeutet, dass etwas geschieht, das sich der Rationalität der Beteiligten entzieht. Leichter als die Anerkennung dieser Tatsache ist es, einen Schuldigen zu identifizieren, der dann wie der Überträger einer ansteckenden Krankheit isoliert wird und somit das Schicksal Ödipus‘ erleidet. Die anthropologische Klarsicht, die Girard zufolge die griechische Tragödie auszeichnet, ist paradoxerweise eng verknüpft mit der instabilen Situation der antiken Gesellschaft. Insofern ist auch die neue Klarsicht unserer Historiker unter Umständen ein Symptom für die Zuspitzung einer globalen Konfliktsituation, in der jederzeit an jedem Ort der Welt ein neuer Konflikt aufbrechen kann, der selbst die profiliertesten Experten überrascht. Man denke an die Situation im Irak nach der Besetzung durch eine neue Terrorgruppe, mit der noch nicht einmal die amerikanischen Geheimdienste gerechnet hatten, oder an die Eskalation der Gewalt in der Ukraine, vor zwei Jahren noch Gastgeber eines friedlichen europäischen Fußballfests.

Ausgerechnet der preußische General Carl von Clausewitz hat, folgt man Girards Lesart, die verhängnisvolle Eigendynamik militärischer Konflikte wie kein anderer erkannt und vor dieser Erkenntnis kapituliert, weshalb sein Hauptwerk Vom Kriege unvollendet bleiben musste. „Achever Clausewitz“ heißt sinngemäß „Clausewitz vollenden“. Girard denkt die Clausewitzsche Logik zu Ende, indem er die Intuition des deutschen Militärtheoretikers in den Kontext seiner eigenen anthropologischen Thesen zu den Ursachen und Mechanismen menschlicher Gewalt stellt. Clausewitz, dessen berühmtes Zitat vom „Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ oft als Legitimation der Gewalt verstanden wird, habe in Wirklichkeit selbst nicht an die Beherrschbarkeit des Krieges durch rationales politisches Handeln geglaubt und somit das Scheitern seines wissenschaftlichen Projekts erahnt. Girard belegt diese Auffassung anhand vieler Textstellen aus Vom Kriege, wie zum Beispiel der folgenden:

Wir wiederholen also unseren Satz: der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum äußersten führen muß. Dies ist die erste Wechselwirkung und das erste Äußerste, worauf wir stoßen. (http://www.clausewitz.com/readings/VomKriege1832/Book1.htm#1)

Wenn der Krieg seiner Natur nach „zum Äußersten“ tendiert (der Titel des Ersten Buches aus Vom Kriege ist überschrieben „Über die Natur des Krieges“), sich also in einer zwangsläufigen Weise verselbständigt, gerät der vermeintliche Vorrang der Politik ins Wanken. Es ist verblüffend, wie sich die zitierten Worte mit den Grundgedanken der mimetischen Theorie Girards decken, und erstaunlich, dass Girard nicht schon früher auf Clausewitz aufmerksam wurde. Gewalt als Wechselwirkung, sich eben durch diese Wechselwirkung potenziell verstärkend, im wörtlichen Sinne „eskalierend“, ansteigend wie eine Treppe, dies ist das von Girard formulierte mimetische Prinzip. Girard erklärt die „Reziprozität“ der Gewalt durch die gegenseitige Nachahmung der Widersacher, die die Attacken des anderen jeweils spiegelbildlich zurückgeben und dabei immer noch eins draufsetzen – in der Manier einer Slapstick-Komödie à la Tom und Jerry. Das Prinzip der Selbstverstärkung findet sich auch in der Bildersprache, die wir im Zusammenhang mit gewaltsamen Konflikten verwenden: Bei der Konfliktzone handele es sich um einen „Brandherd“, man dürfe kein „Öl ins Feuer“ gießen, die Gewalt nicht weiter „schüren“ etc. Die Politik wird dabei in der Regel als so hilflos wahrgenommen, wie sie tatsächlich ist. Den Vorrang gewinnt nach und nach der Krieg, weil er die Leidenschaften der Beteiligten entfacht und der Rationalität politischen Handelns an Stärke haushoch überlegen ist.

Die offenbar schon in der Antike zerbröckelnde Lösung, die gegenseitige Gewalt zu kontrollieren, indem die Schuld einem Schurken wie Ödipus angehängt wird, der sie wie der sprichwörtliche Sündenbock mit sich in die Wüste nimmt, ist durch unser Wissen um ihre Funktionsweise unbrauchbar geworden. Für Girard beginnt die „Offenbarung“ der in den Sündenbockmechanismus mündenden konfliktuellen Mimesis mit der griechischen Tragödie und findet ihre Vollendung im Passionsgeschehen, wie es in den Evangelien geschildert wird. Anders als die Gewalt vormoderner Gesellschaften, die in Gründungsmythen, Ritualen und Institutionen weiterlebte und das Fundament solcher Gesellschaften bildete, wird die moderne Gewalt als durch und durch zerstörerisch empfunden. Wir lehnen eine begrenzte, „reinigende Gewalt“ mit gutem Grund ab, nämlich aus Mitleid mit ihren unschuldigen Opfern, und setzen uns so der neuen Gefahr unbegrenzter Gewalt aus, wie Girard im Vorwort zu Achever Clausewitz schreibt, hier zitiert nach der englischen Ausgabe Battling to the End:

Freed of sacrificial constraints, the human mind invented science, technology, and all the best and worst of culture. Our civilization is the most creative and powerful ever known, but also the most fragile and threatened because it no longer has the safety rails of archaic religion. Without sacrifice in the broad sense, it could destroy itself if it does not take care, which clearly it is not doing.

Die Evangelien durchkreuzen den Sündenbockmechanismus, indem sie den Sündenbock zum Lamm Gottes erheben, das ein Unschuldslamm ist. Der gekreuzigte Jesus ist das Sinnbild des unschuldigen Opfers. Er widersetzt sich der rächenden Gerechtigkeit, die den Teufelskreis der Gewalt befeuert. Er bietet sich als letztes Opfer dar, um den ewigen Opferkreislauf für immer zu beenden. Dadurch nimmt er der Menschheit jedoch ihre „sakrifizielle Krücke“. Ob sie in der Lage ist, ohne diese Krücke zu gehen, an dieser Frage entscheidet sich für Girard auch ihr Schicksal.

Unser Zeitalter ist durch eine rasante technologische Entwicklung gekennzeichnet, die häufig von der Entwicklung der Militärtechnologien ausgeht. Durch ein ebenfalls technologisch bedingtes „Schrumpfen“ der Entfernungen, kann ein lokaler Konflikt zur globalen Konfrontation anwachsen, welche schließlich die Existenz der Erde bedroht. Die Spaltung der Welt in zwei sich feindlich gegenüberstehende Blöcke hat dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich gezeigt. Das „Ende der Welt“ ist heute kein irrationales Szenario mehr. Die Zerstörungskraft der vorhandenen Waffenarsenale reicht aus, um die Erde nicht nur einmal, sondern mehrfach zu zerstören. Irrational ist vielmehr die Vorstellung, dass sich dieses Ende mit Hilfe der herkömmlichen politischen Rationalität verhindern lässt.

Achever Clausewitz ist Girards Plädoyer für eine neue, apokalyptische Rationalität, die der tödlichen Bedrohung ins Auge sieht. „Apokalyptische Rationalität“ bedeutet die Einsicht, dass angesichts des Risikos der Totalzerstörung Gewalt keine Option mehr ist. Es gibt nur eine Lösung für das Dilemma der Gewalt, nämlich den Gewaltverzicht. Apokalypse heißt wörtlich Offenbarung, und in diesem Sinne versteht René Girard auch die apokalyptischen Vorhersagen der Evangelien. Sie offenbaren, dass die Bedrohung der Menschheit nicht in erster Linie von außen kommt, wie es sich der wirklichkeitsvergessene Mensch der Moderne gern vorstellt und wie es unzählige Hollywood-Blockbuster zelebrieren, sondern vom Menschen selbst. Dies verdeutlichen Jesu Worte über die „Endzeit“, z.B. im Matthäus-Evangelium:

Ihr werdet von Kriegen hören und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende.

Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. (Mt 24, 6-7)

Das ist nichts anderes als die Beschreibung eines Weltkriegs, der ausnahmslos alle Völker einschließt. Mit dieser „Endzeit“ beginnt jedoch etwas Neues: Die erwartete zweite Wiederkehr Jesu leitet das „Reich Gottes“ ein. Verstanden als Zeitpunkt einer fundamentalen, ein neues Zeitalter begründenden Offenbarung, ist die Apokalypse deshalb auch ein Quell der Hoffnung:

The apocalypse does not announce the end of the world; it creates hope. If we suddenly see reality, we do not experience the absolute despair of an unthinking modernity, but rediscover a world where things have meaning. Hope is possible only if we dare to think about the danger at hand…(René Girard, Battling to the End)

Der anthropologische Realismus der Evangelien verbindet sich mit der christlichen Hoffnung auf Erlösung. Das Ende wird ein Anfang sein, aber nur für denjenigen, dessen Liebe auch im Angesicht der zu erwartenden Schrecken nicht „erkaltet“ (Mt 24,12) und der sich für seine Erlösung bereithält – gleich einem treuen Diener, der seinen Dienst tut, auch ohne zu wissen, wann genau sein Herr zurückkehrt (Mt 24,45-51).

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