Der zerrissene Vorhang

In den drei synoptischen Evangelien wird übereinstimmend berichtet, dass mit dem Kreuzestod Jesu der Vorhang im Tempel „von oben bis unten“ oder „mittendurch“ zerriss. Was auf den ersten Blick als Ornament erscheint, als eine Ausschmückung des von Wundern begleiteten Kreuzigungsereignisses, hat aus Sicht der mimetischen Theorie René Girards eine tiefere Bedeutung. Wie bei anderen Bibelstellen fordert Girard auch hier dazu auf, ihren Wortlaut entgegen dem liberalen Zeitgeist nicht weniger wörtlich, sondern so wörtlich bzw. ernst wie nur möglich zu nehmen. Konkret heißt das nicht, blind an dieses kleine Wunder zu glauben, sondern seine Symbolik zu verstehen, die ein viel größeres Wunder offenbart.

Doch worin besteht diese Symbolik? Der Vorhang im Tempel verbirgt das Allerheiligste vor den Augen der Tempelbesucher. Er trennt die Welt des Sakralen von der Welt des Profanen. Im Kern des Sakralen steht das Opfer. In der anthropologischen Perspektive Girards ist der Tempelvorhang „das, was die Menschen vom Opfergeheimnis trennt, die materielle Konkretisierung der das Opfer gründenden Verkennung“ (R. Girard, Das Ende der Gewalt). Das Geheimnis des Opfers ist seine Unschuld. Das Opfer ist ein Sündenbock. Dies wird von den Opfernden notwendigerweise verkannt. Nur so kann das Opfer seine „magische“ Kraft ausüben, die nach seiner Ausstoßung in allseitige Verklärung umschlägt. Ist die willkürliche Auswahl des Opfers erst einmal erkannt, und hat man verstanden, dass es nicht schuldiger ist als jedes andere Mitglied der Gemeinschaft, verliert es augenblicklich seinen Zauber.

Der Kreuzigung Jesu geht ein Prozess (im doppelten Wortsinn) der Verkennung voraus, der darin gipfelt, dass sich selbst seine engsten Vertrauten von ihm abwenden. Schließlich sind alle von Jesu Schuld überzeugt, der sich dem Wort des Propheten Jesaja gemäß „unter die Verbrecher rechnen“ lässt. In Der Sündenbock argumentiert Girard, dass die Evangelien damit deutlich machen wollen, dass niemand vor dieser Verkennung gefeit ist und dass sie die anthropologische Notwendigkeit besitzt, die das Fundament von Girards Theorie bildet. Vermutlich hat jeder schon einmal erlebt, wie schwer es ist, sich dem Sog des Sündenbockmechanismus zu entziehen, ob er sich nun gegen den neuen, „offensichtlich unfähigen“ Arbeitskollegen richtet, die zugezogenen Fremdlinge, „die sich gar nicht integrieren wollen“ oder den Kinderschänder aus der Nachbarschaft, mit dem man am liebsten „kurzen Prozess“ machen würde.

Erst die aufgebrachte Menge überzeugt Pilatus davon, dass dieser Verbrecher der Richtige ist, um gekreuzigt zu werden. Zunächst findet der römische Statthalter „nichts an ihm, das den Tod verdient“. Das Schicksal des Angeklagten wird besiegelt durch eine „Kreuzige ihn!“ schreiende Menge. Der im Moment des Todes Jesu zerreißende Tempelvorhang ist somit mehr als nur Ausdruck der Tatsache, dass sich etwas Außerordentliches ereignet hat. Er symbolisiert die Offenbarung der im Zentrum des Sakralen stehenden Dynamik kollektiver Gewalt gegen Unschuldige, die sich wie ein roter Faden durch die Evangelien zieht. Die Evangelien sagen es unmissverständlich: Mit der Passion Christi wird der Sündenbock zum Lamm Gottes. Diese Transformation des Sakralen ist das große Wunder, dessen wir Ostern gedenken.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Johannes 1,5

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