Menschwerdung, Lynchmobs und universelle Nachahmung

Der mimetischen Theorie René Girards zufolge beginnt die Menschwerdung mit einem kollektiven Mord. Das Anwachsen des Mimetismus unter den Hominiden verstärkt die Gefahr, dass tierische Aggression nicht mehr durch die Bildung einer Rangordnung kontrolliert werden kann. In einer solchen Rangordnung wird das die Gruppe dominierende Tier durchaus nachgeahmt. Diese Nachahmung wird jedoch niemals zur „Aneignungsmimesis“, sie führt also nicht zu einer Konkurrenz mit dem Ranghöchsten um seinen Status. Alle Güter stehen zuerst ihm zu, und alle anderen erhalten, was er ihnen freiwillig überlässt. Seine Dominanz gewährleistet die Stabilität der Gruppe.

Als aufgrund eines gesteigerten Mimetismus und des daraus resultierenden stärker werdenden Konkurrenzverhaltens Rangordnungen instabiler werden, kommt den Hominiden eine zufällige Entdeckung zu Hilfe: Sobald sich die wechselseitigen Aggressionen auf ein zufällig ausgewähltes Individuum richten, das in einem kollektiven Akt der Gewalt getötet wird, entsteht ein neuer Zusammenhalt und damit eine neue Art von Stabilität jenseits der bisherigen Dominanzmuster. Die Einigkeit gegen das Opfer beendet abrupt die Aggressionen zwischen den Gruppenmitgliedern. Die Erfahrung dieses unverhofften Friedens ist für Girard so einschneidend, dass sie nach und nach alles generiert, was die menschliche Kultur prägt, wie er im Ersten Buch „Fundamentalanthropologie“ seines Werks Das Ende der Gewalt schreibt:

Dank des Opfers, sofern es aus der Gemeinschaft hervorzugehen und die Gemeinschaft aus ihm hervorzugehen scheint, kann es erstmals so etwas wie ein Innen und ein Aussen geben, ein Vorher und ein Danach, eine Gemeinschaft und ein Heiliges. (…) Es gibt keine Bedeutung, die sich nicht mit ihm abzeichnet und nicht zugleich als von ihm transzendiert erscheint. Das Opfer scheint sich also durchaus als universaler Signifikant zu konstituieren.

Die Gemeinschaft konstituiert sich in Bezug auf das Opfer, das in seiner Doppelfunktion als Objekt der Aggression und vermeintliches Subjekt der plötzlichen Befriedung die Ambivalenz des Sakralen generiert, die sich in der Doppelbedeutung „heilig“ und „verflucht“ des lateinischen Wortes sacer erhalten hat.

Zwischen diesem hypothetischen Urereignis und unserer Gegenwart liegt ein unermesslich langer Zeitraum, und der weitaus grösste Teil dieser Zeit ist Girard zufolge geprägt durch die kultische Reproduktion dieses Ereignisses. Girard gelingt es, mit seiner Hypothese die Ideenwelt archaischer Gesellschaften, die uns irrational und bunt erscheint, verstehbar zu machen. Viele ethnologische Forscher haben z.B. die ambivalente Stellung des Königs beschrieben, der als Teil bestimmter Rituale, die zur Krönungszeremonie selbst gehören können, von seinen (zukünftigen) Untertanen gedemütigt wird. Was auf den ersten Blick unlogisch erscheint, geht für Girard auf die Ambivalenz des Gründungsereignisses zurück, wie es von dessen Teilnehmern wahrgenommen wird. Der König ist ebenso heilig und verflucht wie das Opfer in den Augen der Opferer. Er verkörpert die Gründungserfahrung, deren Andenken unbedingt erhalten bleiben muss, um die Stabilität der Gemeinschaft zu sichern. Nicht nur das Königtum, sondern alle Institutionen leiten sich demnach aus diesem Verlangen ab, und in alle Institutionen ist die ursprüngliche Ambivalenz des Opfers „eingeschrieben“.

Steht am Beginn der Hominisation die Zusammenrottung gegen ein willkürliches Opfer, so handelt es sich dabei gewissermassen um die menschlichste aller Verhaltensweisen, wie Girard in Das Ende der Gewalt schreibt. Wenn uns etwas von archaischen Gesellschaften unterscheidet, in denen sich alles um das Opfer dreht, dann ist es weniger der Verzicht auf kollektive Gewalt als die Erkenntnis, dass sie sich gegen Unschuldige richtet und das aus dieser Erkenntnis resultierende schlechte Gewissen. Eine moderne Variante des von Girard postulierten „Gründungslynchmords“ sind die berüchtigten Lynchings an Schwarzen in den Vereinigten Staaten, die weit bis ins 20. Jahrhundert hineinreichen. Der amerikanische Autor Mark Twain befasst sich in seinem posthum erschienenen Essay „The United States of Lyncherdom“ aus einem aktuellen Anlass mit dieser Thematik: In seinem Heimatstaat Missouri war es 1901 in der Kleinstadt Pierce City nach dem Mord an einer weissen Bewohnerin zur kollektiven Lynchjustiz an der schwarzen Bevölkerung gekommen, in deren Folge drei Schwarze brutal ermordet und die restlichen dunkelhäutigen Einwohner aus der Stadt vertrieben wurden.

Aus Sicht der mimetischen Theorie ist das Interessante an diesem Essay der grosse Einfluss, den für Twain der spezifisch menschliche Nachahmungszwang auf das Verhalten des Lynchmobs hat. In René Girards Modell spielt die Nachahmung die entscheidende Rolle bei der Ausbreitung von Gewalt. Gewalt hat stets etwas Ansteckungsartiges. Sie erinnert uns an den Ausbruch einer Seuche, einen übertragbaren Virus, der nur schwer einzudämmen ist. Deshalb dient die Pest häufig als Metapher für Gewalt, wie Girard in seiner literaturwissenschaftlichen Studie „Die Pest in Literatur und Mythos“ zeigt. Twain argumentiert wie folgt: Die Gewalt entsteht durch Nachahmung. Nachahmung aber ist universell, sodass sich auch die Bekämpfung der Gewalt der Nachahmung bedienen muss.

Diese Argumentation ist beeindruckend, nimmt Twain hier doch grosse Teile der mimetischen Theorie vorweg, wie Matthew R. Kratter in The United States of Lyncherdom: American Modernism and the Persecution Text“ richtig schreibt. Hatte Mark Twain in der Episode „Tom streicht einen Zaun“ seines Romans Tom Sawyer bereits die humoristische Seite der Nachahmung beleuchtet (siehe meinen Post „Ein Zaunstreicher entdeckt das Gesetz des Begehrens“), so bringt er nun die verschiedenen Aspekte des „Lynchtums“ mit dem menschlichen Mimetismus in Verbindung:

  1. Die Teilnehmer der Lynchings werden durch gegenseitige Nachahmung gesteuert. Es ist schwer, sich dem Sog des gewalttägigen Mobs zu entziehen, weil man sich nicht bei den Nachbarn unbeliebt machen möchte und Sorge hat, durch seine Verweigerung selbst zur Zielscheibe des Mobs zu werden.
  2. So erklärt sich auch, dass Lynchings sich zu Twains Zeit ausbreiteten wie eine „Mode“. Sie sind „ansteckend“ und produzieren Nachahmer-Lynchings.
  3. Nicht nur das Urteil der direkten Nachbarn, auch die öffentliche Meinung bildet eine wichtige Ressource für unser Verhalten und fungiert als Modell der Nachahmung.
  4. Twain thematisiert wie Girard die besondere Stellung, die der Mensch im Tierreich wegen seiner ausgeprägten Fähigkeit zur Nachahmung einnimmt, und tut dies in der ihm eigenen sarkastischen Art: „We are made like that, and we cannot help it. The other animals are not so, but we cannot help that, either” (Quelle: http://people.virginia.edu/~sfr/TWAIN/lyncherdom.html).
  5. Um das Lynchtum zu bekämpfen, braucht es positive Modelle der Nachahmung, also wahre Vorbilder, die sich tapfer dem Mob entgegenstellen („Then those communities will find something better to imitate–of course, being human, they must imitate something”, Quelle wie oben).

Ironisch empfiehlt Twain die Rückholung von 1.500 amerikanischen Missionaren aus China, die sich als „Märtyrer“ im christlichen Sinne in ihrer Heimat sinnvoller betätigen könnten als beim nutzlosen Versuch, eine Übermacht von hunderten Millionen Chinesen zum Christentum zu bekehren. Diese seien zudem in keinster Weise bekehrensbedürftig. Twains Seitenhieb auf das Christentum ist gleichzeitig eine Erinnerung daran, worin dessen eigentlicher Auftrag aus seiner Sicht besteht: im Ergreifen der Partei für die Verfolgten. Und deshalb wundert es nicht, wenn er in einer berührenden Fiktion die christliche Symbolik des Passionsgeschehens evoziert. In einem Zeitungsartikel, den er zitiert, war sehr plastisch die Verbrennung eines der Opfer bei lebendigem Leibe beschrieben worden. Twain stellt sich nun vor, man verlege die Gesamtheit aller Lynchings in eine düstere Landschaft. Man reihe die einzelnen Scheiterhaufen in gewissen Abständen auf und zünde sie gleichzeitig an, so dass eine endlos erscheinende Schlange von „menschlichen Fackeln“ („twenty-four miles of blood-and-flesh bonfires“) den nächtlichen Himmel erleuchtet, während das Leid der Opfer buchstäblich „zum Himmel schreit“ („heavenward to the Throne“, also zum „Thron Gottes“). Dieses grausame Bild vor Augen, fleht er die abwesenden Missionare an, ihrer eigentlichen Pflicht als Christen nachzukommen: „Oh kind missionary, oh compassionate missionary, leave China! come home and convert these Christians!“ (Quelle wie oben). Nicht die Chinesen, sondern die Christen zuhause müssen bekehrt werden, und zwar durch das Christentum. Das Christentum muss zu seiner Bestimmung zurückkehren, so die Botschaft Twains.

Da wir anders als die archaischen Gesellschaften mit Hilfe des Christentums verstehen, dass unsere Opfer unschuldig sind, und da deshalb unsere Opfer den ursprünglichen Versöhnungseffekt gar nicht mehr hervorbringen können, müssen wir also selbst „Christen“ werden: jedoch nicht im Sinne einer konfessionellen Bindung, die nichts weiter ist als eine Spielart der archaischen Religiosität, sondern im Sinne der Radikalität des christlichen Martyriums, welches das Opfer durch die Hingabe ersetzt. Wenn der Opfermechanismus so unausweichlich ist, wie es die mimetische Theorie nahelegt, gibt es keine andere Wahl als die Wahl, auf der Seite der Opfer oder auf der Seite der Täter zu stehen. Parteiergreifung für die Opfer schliesst jedoch die Bereitschaft ein, in den Worten des Theologen James Alison selbst den „Platz der Schande“ einzunehmen, sich also in einem radikalen Sinne mit dem Opfer zu identifizieren, anstatt sich lediglich mit ihm zu solidarisieren.

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