Raskolnikows Kreuzweg

Der Offenbarungscharakter des Christentums besteht darin, den Menschen die Wahrheit über die Mechanismen menschlicher Gewalt zu enthüllen und Ihnen dadurch einen Weg der Versöhnung zu weisen. So René Girard in seiner Mimetischen Theorie. Die Schilderung der Kreuzigung in den Evangelien hält den Menschen einen Spiegel vor und zeigt ihnen ihre Bösartigkeit. Deshalb heißt es bei Johannes: „Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind“ (Joh 7,7). Ein zentraler Bestandteil des Christentums ist daher die Idee der Umkehr. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ fordert Jesus im Markus-Evangelium. Umkehr ist gleichbedeutend mit Buße, und so wird die zitierte Bibelstelle auch übersetzt mit „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“.

Umkehr impliziert ein Vorher und ein Nachher. Das Vorher ist gekennzeichnet durch Stolz und Eitelkeit. Der stolze Mensch hält sich für unfehlbar und entdeckt Schwächen nur bei seinen Mitmenschen. Er sieht, um mit der Bibel zu sprechen, den Splitter im Auge des anderen, nicht aber den Balken im eigenen. Er hält sich in zwischenmenschlichen Konflikten stets für den Verteidiger, der seine Opponenten lediglich in ihre rechtmäßigen Schranken weist. Was auch immer er sich zuschulden kommen lässt: er kann es begründen und wäscht seine Hände in Unschuld. Stolz und Eitelkeit sind in der Mimetischen Theorie René Girards der Humus, auf dem Rivalität und Gewalt gedeihen – bis zum Kampf auf Leben und Tod. Für den stolzen Menschen bedeutet jedes Nachgeben Schwäche, und er verliert lieber sein Leben als seine Ehre.

Umkehr heißt, seinen Stolz und seine Eitelkeit zu überwinden. Aus christlicher Perspektive ist Jesus das Vorbild für ein solches Verhalten. Jesus predigt – und lebt – Demut statt Hochmut und Barmherzigkeit statt Hartherzigkeit. Seine Größe besteht darin, dass er sich klein macht, sich den Armen und Schwachen angleicht, auf die „Reiche und Herrlichkeiten“ verzichtet, mit denen ihn der Teufel ködern will, und dass er sein Kreuz duldsam trägt. Jesus rettet sein Leben, indem er es verliert, und ruft dazu auch seine Nachfolger auf.

Dostojewskis ungewöhnlicher Kriminalroman „Schuld und Sühne“ ist die Geschichte einer solchen Umkehr. Ein Mann begeht einen Mord, aber die Aufklärung des Verbrechens tritt, so spannend sie erzählt wird, zurück hinter die Schilderung der inneren Gewissenskonflikte des Mörders. Dieser stellt sich schließlich selbst der Justiz, um sein Leben zu retten, indem er es in der sibirischen Verbannung zunächst gewissermaßen verliert. Dostojewski lässt keinen Zweifel daran, dass erst seine Hinwendung zum Christentum, seine innere Umkehr im Sinne der Evangelien, diese Rettung ermöglicht.

Eine ähnliche Hinwendung zum Christentum begegnet dem Leser bereits zu Beginn des erzählten Geschehens, als Raskolnikow sein Verbrechen bereits geplant, aber noch nicht ausgeführt hat. Sie wird verkörpert durch die Person des bedauernswerten Trinkers Marmeladow, den Raskolnikow in einer Kneipe kennenlernt, und der sich im Laufe des Romans vollständig zugrunde richten wird. Marmeladow schickt seine Tochter auf den Strich, um sich von dem erhaltenen Lohn nur weiter zu betrinken, und hasst sich selbst für dieses schändliche Verhalten. Mitgefühl für die Ausweglosigkeit seiner Lage erhofft er sich von niemandem – außer von einem Gott, der „mit allen Mitleid hat und alle und alles versteht.“ Ein Gott, der alles vergibt, alles verzeiht und seine Hände den Schwachen und Gedemütigten reicht: „Kommet her, ihr Säufer, kommet her, ihr Willensschwachen, kommet her, ihr Schamlosen … Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehes; aber kommet auch ihr zu mir!“ Wenn dann „die Weisen und Klugen“ fragen, wieso dieser Gott sich zu Kreaturen herablässt, die ihr trauriges Schicksal selbst verschuldet haben, die es besser wissen könnten und es doch nicht besser machen, so antwortet dieser: „Darum nehme ich sie auf, ihr Weisen, darum nehme ich sie auf, ihr Klugen, weil auch nicht einer von ihnen sich dessen selbst für würdig gehalten hat.“

Gott ist das Licht in der Finsternis, das auch denen scheint, die vom Leben nur noch Finsternis erwarten. Keine Schuld kann so groß sein, dass eine Umkehr unmöglich ist. Das will Dostojewski sagen, und er wählt zur weiteren Veranschaulichung dieses Gedankens das schrecklichste Verbrechen, das ein Mensch begehen kann: den Mord an einem Wehrlosen. Die Marmeladow-Episode nimmt den zentralen Gedanken des Romans vorweg und liefert damit den Schlüssel zu seinem Verständnis und einen tiefen Einblick in die Weltsicht des Dichters in den späteren Jahrzehnten seines Lebens.

Raskolnikow ist so ein Mensch der Finsternis, der sich in einen Kokon des Selbstdünkels und der Misanthropie einspinnt – ein Möchtegern-Übermensch, der seine menschlichsten Regungen für Schwäche hält und verzweifelt gegen solche Regungen ankämpft. Mit seinem ansonsten motivlosen Verbrechen, dem Mord an einer alten Pfandleiherin, die er für eine „Laus“ hält, will er der Menschheit seine Überlegenheit demonstrieren: Seht her, ich bin zu etwas fähig, das Ihr Euch nicht traut. Nach der „erfolgreichen“ Durchführung seines mörderischen Plans, der mit der Schwester der Ermordeten ein weiteres, zufälliges Opfer fordert, bereut Raskolnikow nicht etwa seine Tat. Nein, er bedauert und beklagt die ihm offenbar fehlende Kaltblütigkeit, die sich in seiner beginnenden Selbstzerfleischung äußert und ihn in seinen Augen von wahrhaft großen Helden wie Napoleon unterscheidet.

Seine Umkehr resultiert aus der Begegnung mit der besagten Tochter Marmeladows, der Prostituierten Sonja, die sich dem Christentum verschrieben hat. Sonja trägt duldsam ihr Kreuz, das darin besteht, den eigenen Körper, die eigene Würde zu verkaufen, um ihrer Familie das Überleben zu sichern. Das Symbol des Kreuzes ist dann auch Sonjas stärkste Waffe in ihrem Bemühen, in Raskolnikow ein Verständnis für die Bösartigkeit seiner Mordtat zu wecken und ihn dadurch aus der selbstgemachten Finsternis herauszuholen. Als Raskolnikow ihr den Mord gesteht, fordert sie ihn auf, sich in aller Öffentlichkeit seiner Schuld zu stellen und dann freiwillig in die Verbannung zu gehen, die den überführten Delinquenten erwartet:

„Was Du tun sollst?“ rief sie und sprang von ihrem Platz auf; ihre Augen, die bisher voll Tränen gestanden hatten, blitzten. „Steh auf!“ Sie fasste ihn an der Schulter; er erhob sich und sah sie ganz erstaunt an. „Geh sofort, diesen Augenblick, hin und stelle dich auf einen Kreuzweg; beuge dich nieder und küsse zuerst die Erde, die du besudelt hast, und dann verbeuge dich demütig vor aller Welt, nach allen vier Himmelsrichtungen, und dann sage jedesmal laut: „Ich habe gemordet!“ Dann wird dir Gott neues Leben gewähren.

Der Kreuzweg ist das Sinnbild christlicher Umkehr. Die Einsicht in die eigene Schuld verhilft dem reuigen Sünder zu einem neuen Leben. Christlich zu sein heißt nichts anderes, als zu dieser Umkehr bereit zu sein. Sonja will Raskolnikow ein kleines Kreuz aus Zypressenholz schenken. Dieser lehnt es zunächst zögernd ab, worauf Sonja ihm beipflichtet:

Ja, ja, später, das wird besser sein! … Wenn Du das Leid auf dich nehmen wirst, dann lege das Kreuz an. Dann komm zu mir, ich werde es dir umhängen, und dann wollen wir beten und unseren Weg wandeln.

Ein Leben ohne Schuld ist eine Illusion. Um an diese Illusion zu glauben, muss man seine eigene Schuld verleugnen. Dies führt aber zwangsläufig erst Recht zu neuer Schuld, da die Verleugnung in der Regel mit einer Beschuldigung anderer einhergeht, die dem selbstgerechten Ich als Sündenböcke dienen. René Girard hat diesen Mechanismus eingehend beschrieben. Deshalb klagen die Evangelien mehr noch als die bösen Taten der Menschen ihre Neigung an, diese Taten auf andere zu projizieren: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ etc. Die inständige Bitte des Vaterunsers „Erlöse uns von dem Bösen“ heißt dann auch nicht „Beseitige das Böse in der Welt“, sondern „Hilf uns, dass wir das Böse in uns selbst erkennen und besiegen.“

Gott ist zu den Menschen gekommen, indem er seinen Sohn zu ihnen geschickt hat. Diesem skandalon sind sie begegnet, wie Menschen jedem skandalon begegnen: durch Ausgrenzung und Verfolgung. „Gott ist tot!“, sagt Nietzsches „toller Mensch“ – „Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir sind seine Mörder.“ Der christliche Gott ist ein anwesend-abwesender Gott. Er hat uns in gewisser Weise allein gelassen mit dem Wissen um die Mechanismen menschlicher Gewalt, das wie ein Lichtstrahl von der Kreuzigung Jesu ausgeht. Auf die Frage des „tollen Menschen“: „Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?“ antwortet René Girard in seinem Artikel „The Founding Murder in the Philosophy of Nietzsche“, dass dieser archaisch-religiöse „Ausweg“ aus dem Dilemma der Gewalt seit dem Passionsgeschehen für immer versperrt ist. Das Christentum hinterlässt uns mit der Offenbarung eine Leere, die kein Gott mehr füllen kann, sondern die wir selbst füllen müssen. Nicht, indem wir, wie der „tolle Mensch“ schlussfolgert, „selber zu Göttern werden“. Dies wäre der Weg des Mörders Raskolnikow vor seiner Bekehrung. Es wäre der Weg des Übermenschen, dessen verhängnisvolle Auswirkungen im 20. Jahrhundert Dostojewski in „Schuld und Sühne“ prophetisch vorwegnimmt.

Wir können die Leere nur füllen, indem wir die neue Freiheit annehmen, die uns das Christentum gebracht hat. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, heißt es im Paulus-Brief an die Galater. Und Paulus sagt auch, was es konkret bedeutet, diese Freiheit anzunehmen: „Denn das ganze Gesetz ist in „einem“ Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Nächstenliebe ist die Antwort des Christentums auf Hass und Gewalt. Es ist die Antwort Sonjas auf die Verstocktheit Raskolnikows. Dieser lässt auch nach dem Mord nur zögernd von seinem Selbstdünkel und seiner Eitelkeit ab, um sich dann doch zu der von Sonja geforderten Demutsgeste am Kreuzweg hinreißen zu lassen. Am Ende siegt auch hier das „Ewig-Weibliche“, das Prinzip einer Liebe ohne Gegenleistung, einer Liebe, die aus sich selbst heraus wirkt, die keinen Grund braucht und keine Rechtfertigung, und die allein in der Lage ist, das Böse in uns zu besiegen.

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