Im Auge des Shitstorms

Der Haken an der von der Piratenpartei populär gemachten Schwarmintelligenz ist, dass es bekanntlich auch eine Schwarmdummheit gibt. Menschliches „Schwarmverhalten“ entsteht durch Nachahmung. Das kann man leicht testen, indem man in einer Menschenmenge plötzlich in die Luft schaut, als habe man etwas Außergewöhnliches entdeckt. Vermutlich werden es einem die direkten Nachbarn gleichtun, die dann wiederum ihre Nachbarn „anstecken“. Aus gleichgültigen Individuen wird eine erregte Menge, die in ihrer Konzentration auf das vermutete Ereignis vereint und nun anfällig für Gerüchte aller Art ist. Eine solche Gruppendynamik kann die vielfältigsten Formen und Stärken annehmen und gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen. Eine Garantie dafür, dass nur „vernünftiges“, moralisch akzeptables Verhalten nachgeahmt wird, gibt es nicht. Ein besonders drastisches Beispiel aus der jüngeren Geschichte für die potenziell destruktive Kraft einer erregten Menge oder eines aufgestachelten Mobs ist der Genozid in Ruanda.

Die leichte Beeinflussbarkeit einer Menschenmenge erfährt auch Kreon, Ödipus‘ Konkurrent um den Königsthron in Hugo von Hofmannsthals Drama „Ödipus und die Sphinx“. Kreon ist kurz davor, zum König von Theben gekrönt zu werden, als ihm Ödipus unverhofft in die Quere kommt. Ödipus ist der große Unbekannte, ein „unbeschriebenes Blatt“. Trotzdem – oder deswegen – sieht das Volk in ihm den Retter von der Pestepidemie, die im Lande wütet, und jubelt dem Fremdling begeistert zu. Kreon durchschaut die Irrationalität des plötzlichen Meinungsumschwungs und beschimpft das Volk leidenschaftlich für seine Wankelmütigkeit:

O Volk! Das Wasser
ist stetiger als du. Wer einen Haufen Kot
vom Boden aufnimmt, hält in seiner Hand
doch etwas, wer dich hält, der hält ja nichts.
Geil bist du auf das Neue wie ein Widder!
Mit einem Wort, aus seinem alten Maul
hervorgesprungen, macht ein Gaukler dich
da hüpfen oder dorthin! Wer dich hätte,
und schlüg dich nicht mit Skorpionen, Schmach
und Schande über den! Werd ich dein König,
dir tret ich in den Nacken!

Die in fröhlicher Naivität auf das Patentrezept der kollektiven Intelligenz des „Schwarms“ setzende Piratenpartei erfährt nun leidvoll deren Kehrseite: den kollektiven Shitstorm. Wer sich wie der Möchtegernkönig Kreon der Öffentlichkeit präsentiert, muss damit rechnen, unerwartet vom Hoffnungsträger zur Lachnummer zu werden. Grund dafür ist der von René Girard beschriebene Sündenbockmechanismus: Der gewalttätige Mob schiebt die Schuld an der Krise einem mehr oder weniger zufällig ausgewählten Opfer in die Schuhe und erhofft sich dadurch einen kathartischen Effekt. Dieses Schicksal wird trotz seiner zunächst begeisterten Aufnahme auch den tragischen Helden Ödipus im weiteren Verlauf des mythischen Geschehens ereilen. Während sich Ödipus jedoch damit abfindet, versucht die Gallionsfigur der Piraten das ihr drohende Schicksal noch abzuwenden. In seinem Blog veröffentlicht Johannes Ponader am 16.9.2012 einen „Aufruf zum Shitstop“: „Shitstorms schaden uns … Wir brauchen eine Shitstop-Kultur.“ Dieser tragische Held erkennt die verhängnisvolle Dynamik, die sich nun auch gegen ihn richtet. Die Frage ist nur, ob das ihm oder seiner Partei etwas hilft: „Der Einzug in den Bundestag, von dem wir vor einem guten Jahr noch nicht einmal geträumt haben, ist möglich, aber unsicher. Und wir alle wissen, wer schuld ist: der andere.“ Mit anderen Worten (und das will Ponader damit sagen): Der Sündenbock.

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