Luzifer in Hamburg – Stockhausen und der Terror

Viele Menschen wissen auch 11 Jahre später noch, wo sie am 11. September 2001 waren, als islamistische Terroristen in gekaperten Flugzeugen die beiden Türme des World Trade Centers in New York zum Einsturz brachten. Vielleicht liegt das am „heiligen Schrecken“, den solche Katastrophen verursachen und der sich in der paradoxen Doppelbedeutung „heilig“ und „verflucht“ des lateinischen Wortes sacer niedergeschlagen hat. Und der wohl auch für die irritierenden Äußerungen des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen verantwortlich ist, der in einem Pressegespräch auf die Frage eines Journalisten nach seinen persönlichen Empfindungen zu den Attentaten nur fünf Tage später erklärte:

Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat. Daß also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, daß Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben. [Zögert.] Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. (Quelle: http://www.stockhausen.org/hamburg.pdf)

Stockhausens Aussagen sind gekennzeichnet von einer religiösen Überhöhung des Gewaltakts, die sich vor allem im Bild einer „massenhaften Auferstehung“ der Opfer des Terrors und ihrer vermeintlichen „Wiedergeburt“ äußert. Für den Anthropologen und Religionsphilosophen René Girard ist es ein Kennzeichen der Gewalt, als unheilvoll und heilsam zugleich erlebt zu werden. Das liegt daran, dass seit Menschengedenken Gewalt nicht nur als Teil des Problems, sondern auch als Teil der Lösung erfahren wird. Im von Girard beschriebenen Sündenbock-Mechanismus wird auf dem Höhepunkt einer kollektiven Krise die Gewalt aller gegen alle auf ein stellvertretendes Opfer gelenkt. Durch eine solche „Kanalisierung“ der Gewalt kehrt der Frieden in die zerstrittene Gemeinschaft zurück. Auf diese Weise wird Gewalt quasi durch Gewalt „kuriert“.

In dieser grundlegenden Erfahrung besteht für Girard der Kern der archaischen Religiosität. Sie hat sich in der „Ambivalenz“ des Sakralen niedergeschlagen, die sich in den Mythen und Ritualen primitiver Gesellschaften nachweisen lässt und deren anthropologischen Ursachen Girard erstmals in seinem Werk „Das Heilige und die Gewalt“ nachgeht. Personifiziert wird diese Ambivalenz noch in der Antike durch die Institution des pharmakós, der in der griechischen Gesellschaft eine Sonderrolle einnahm. Seine Funktion bestand allein darin, bei drohendem Unheil stellvertretend geopfert zu werden und die Bedrohung dadurch von der Gesellschaft abzuwenden. Der als heilsam empfundene Charakter der gegen den pharmakós gerichteten Gewalt hat sich in Begriffen wie Pharmazie oder Pharmazeutikum erhalten.

Was Stockhausen als Künstler fasziniert, ist die mit dem Sakralen eng verwandte Erfahrung der Transzendenz. Er vergleicht die Wirkung der Terroranschläge mit der Wirkung eines musikalischen Kunstwerks, das die Hörgewohnheiten des Publikums erschüttert:

Stellen Sie sich mal vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen, und Sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern Sie würden auf der Stelle umfallen. Sie wären tot und würden wiedergeboren, weil Sie Ihr Bewußtsein verlieren, weil das einfach zu wahnsinnig ist. Manche Künstler versuchen doch, über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir für eine andere Welt uns öffnen. Also, ich weiß nicht, ob das fünftausend Wiedergeburten gibt, aber irgend so etwas. [Fingerschnippen] Im Nu. Das ist unglaublich. (Quelle s. oben)

Zerstörerische Gewalt wird gleichzeitig als fruchtbar empfunden, weil sie den Nährboden für etwas komplett Neues zu bereiten scheint. Daraus speist sich unter anderem der Mythos des „Phönix aus der Asche“, der zum sprichwörtlichen Symbol für Wiedergeburt und Erneuerung geworden ist.

Stockhausen ist nur ein Beispiel dafür, wie tief sich die Vorstellung einer heilsamen Gewalt und die damit verbundene Transzendenzerfahrung in das menschliche Bewusstsein gegraben haben. Seine Äußerungen zu den Terroranschlägen von New York weisen Parallelen zu den Worten auf, die ein anderer Intellektueller fast 100 Jahre zuvor für die apokalyptischen Schrecken des 1. Weltkriegs fand. Der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal erklärt in seinen Notizen zur Rede „Die Idee Europa“ zwei Jahre nach Beginn des Krieges diesen zum Ausweg aus dem „Chaos“ der Vorkriegsjahre und zur notwendigen Voraussetzung für einen Neuanfang in Europa – als eine Art „reinigende Gewalt“:

So die alte Not. Ein Chaos: eine Gefahr der Auflösung. Da kam die neue Not. Leiden als göttliches Prinzip. Es kam maßloses Leiden. Selbstüberwindung. Tausendfaches Hinnehmen und Vorwegnehmen des Todes, Einstehen für sich selber. Das Unvertauschbare. Das Einmalige. Schicksal. Leiden und Tun in einem. Bitterstes Niedertreten der Selbstsucht, ja des Selbsterhaltungstriebes. Auslöschen seiner Selbst immer und immer wieder: dem Befehl gehorchen wie einer Gottheit.

Bereits ein Jahr zuvor hatte Hofmannsthal in seinem Aufsatz „Über Krieg und Kultur“ geschrieben:

Ich habe das Gefühl, dass nach diesem Kriege ein neues Europa entstehen wird. Die gemeinsamen Leiden (denn die Leiden haben ja alle Nationen gemeinsam!) werden bei allen Völkern und bei ihren Leitern neue Kräfte auslösen, für die der Verstand nur eine Scheinmacht ist.

Wie Stockhausen sieht auch Hofmannsthal in der Gewalt ein Mittel des Übergangs von einer alten zu einer neuen Ordnung. Gewalt bedeutet auch für ihn zunächst „Überwindung“, „Auflösung“, „Auslöschung“ des Selbst. Und auch beim schreibenden Künstler mündet die Erfahrung der Transzendenz in eine Ästhetisierung des Schreckens:

Alle diese Millionen brechender Blicke, brechender Herzen, dieses Meer von Blut und Tränen, brennenden Heimstätten im Osten und Westen, diese Großväter und Kinder neben der Landstraße sterbend, diese Tiere noch: diese Allverwobenheit des Gegebenen. („Die Idee Europa“)

Der für den einfachen Soldaten eher prosaische Charakter des Krieges löst im verzückten Dichter ein wahres Feuerwerk der Poesie aus. Mit der apokalyptischen Gewalt verbindet sich die Hoffnung, Europa möge aus einem „Meer von Blut und Tränen“ auferstehen wie Phönix aus der Asche. Aus der Perspektive der anthropologischen Theorie Girards bleibt festzuhalten, dass sich diese Hoffnung aus einer realen Erfahrung speist: der versöhnenden Wirkung des stellvertretenden (Blut)Opfers.

Diese Wirkung hat sich Girard zufolge jedoch im Laufe der Zeit erheblich abgeschwächt. Vor allem die jüdisch-christliche Tradition hat demnach konsequent die Perspektive der Opfer eingenommen und damit jenes schlechte Gewissen verursacht, das uns an der sorglosen Fortsetzung des rituellen Wechselspiels von Opfer und Erneuerung hindert. Dafür leiden wir viel zu sehr mit den Opfern und bringen ihnen eine größere Aufmerksamkeit entgegen als jede Gesellschaft zuvor. So sehen wir auch die Worte Hofmannsthals und Stockhausens kritisch oder reagieren auf sie gar mit Abscheu. Und selbstverständlich stehen auch der Dichter und der Komponist unter dem Einfluss dieser Tradition. Deshalb versucht Hofmannsthal das Opfer gewissermaßen zu „humanisieren“, indem er es zum Selbstopfer umdeutet. Er bewundert an den Soldaten nicht die Gewalt, die sie gegen andere richten, sondern ihre Bereitschaft, sich selbst zu opfern. Und in seinem „Gespräch über Gedichte“ sieht der Protagonist eines fiktiven Zwiegesprächs die Wurzeln auch der Tötung eines Tieres zu Opferzwecken in einem angenommenen anthropologischen Bedürfnis nach Selbstopferung. Eine Figur namens Gabriel beschreibt dort in anschaulichen und blutigen Bildern, wie ihrer Meinung nach beim Akt des Opferns der selbstzerstörerische Impuls eines verzweifelten Individuums auf das geopferte Tier übergeht und Ersterem so der Tod erspart bleibt.

Hofmannsthal wähnt sich durchaus auf der Seite des Christentums, wenn er sich in „Über Krieg und Kultur“ von den „gemeinsamen Leiden“ der Völker ein „Wiedererwachen des religiösen Sinnes“ erhofft. René Girard hat es zunächst abgelehnt, dem Christentum überhaupt einen sakrifiziellen Charakter zuzuschreiben. Entsprechend der Devise „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13) wende es sich stattdessen radikal gegen jede Form des Opfers, und auch den Kreuzestod Jesu dürfe man nicht als ein solches deuten. Später hat er dann diese Ansicht etwas korrigiert. Er bleibt jedoch dabei, dass es einen deutlichen Bruch gibt zwischen der archaischen Religiosität, die sich auf das stellvertretende Opfer gründet, und der jüdisch-christlichen Tradition, die das Opfer zwar nicht abschafft, aber in radikaler Weise transformiert (s. dazu den Artikel „Ende oder Transformation des Opfers? René Girards Ringen um eine Opfertheorie“ von Wolfgang Palaver). Egal, wie viel Opfertum man in der jüdisch-christlichen Tradition erkennen will: Ein regelrechter Masochismus des Selbstopfers, wie er aus Hofmannsthals Betrachtungen zum 1. Weltkrieg spricht, ist dieser vollkommen fremd. Hingabe und Opferbereitschaft im christlichen Sinne haben nichts mit einem dionysischen Blutrausch zu tun, der zur Erneuerung der Gesellschaft führt.

Da Stockhausen wie Hofmannsthal kein primitiver Apologet der Gewalt ist, kommt auch er noch während des Pressegesprächs, das seinen Ruf als Komponist wohl dauerhaft beschädigt hat, zur Besinnung. Wie Hofmannsthal versteht er, dass man die Glorifizierung des Opfers, wenn überhaupt, nur aufrechterhalten kann, wenn man ihm eine gewisse Freiwilligkeit unterstellt. Auf die Frage „Gibt es keinen Unterschied zwischen Kunstwerk und Verbrechen?“ eines verblüfften Journalisten antwortet er:

Vielleicht, aber … Natürlich! Der Verbrecher ist es deshalb, das wissen Sie ja, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das Konzert gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen auch niemand angekündigt: „Ihr könntet dabei drauf gehen.“

Will heißen: Im perfekten Opferakt hätten die in den beiden Türmen des World Trade Centers Beschäftigten sich einfach selbst in die Luft gejagt oder sich vorher mit ihrer Liquidierung einverstanden erklärt. Später distanziert sich Stockhausen in einem nachgeschobenen Statement sogar komplett von seinen Aussagen und behauptet, falsch zitiert worden zu sein. Dass dem jedoch nicht so ist, belegt die hier zitierte Mitschrift des gesamten Pressegesprächs eindrucksvoll. Wenn man so will, ist Stockhausen mit seinen Äußerungen einer Versuchung erlegen. Er bemerkt das selbst während des Gesprächs, als er die Betroffenheit seiner Zuhörer wahrnimmt: „Sie sind alle ganz ernst auf einmal. Wo hat er mich hingebracht? Luzifer.“ Luzifer, eine Personifikation des Teufels, steht in Girards Theorie für die Neigung des Menschen, die Gewalt durch Gewalt auszutreiben. Folgt man Girard, so ist das Christentum historisch gesehen das Bemühen, dieser „teuflischen“ Versuchung, die Gewalt zu sakralisieren, etwas entgegenzusetzen. Metaphern wie das „reinigende Gewitter“ oder der „Phönix aus der Asche“ zeigen, wie stark die menschliche Kultur von der Vorstellung geprägt ist, dass Gewalt und Tod die Grundlage für Erneuerung und Wiedergeburt sind. Das Christentum sagt uns dagegen, dass sich der Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben lässt und dass wir das Böse nicht durch das Böse, sondern durch das Gute besiegen sollen.

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