Arabischer Winter

In seinem Artikel „Lynching Qaddafi“ setzt sich Mark Anspach kritisch mit der brutalen Ermordung des libyschen Diktators auseinander. Die Art und Weise, in der Gaddafi von einem wütenden Mob gelyncht wurde, hält Anspach für ein Überbleibsel des archaischen Sündenbockmechanismus, wie er von René Girard beschrieben wurde. Demnach zieht der Sündenbock den kollektiven Hass auf sich, um in Krisenzeiten durch die kathartische Wirkung seiner Opferung den Aufbau einer neuen Ordnung zu ermöglichen.

Anspach bestreitet nicht, dass es sich bei Gaddafi um einen grausamen Diktator handelte. Jedoch:

However much evil Qaddafi may have wrought, he cannot have been the only wrongdoer in the country. To claim otherwise is to make a scapegoat of him.

Die Ermordung Gaddafis ähnele den primitiven Ritualen, in denen der amtierende König, der Girard zufolge als potenzielles, „aufgeschobenes“ Opfer fungiert, herabgewürdigt wird. Um sich der späteren Darbringung als Opfer würdig zu erweisen, muss er sexuelle oder andere Verbrechen begehen. Erst die Schuld des Herrschers macht ihn zu einem „guten“ Sündenbock. Auch die Herabwürdigung Gaddafis hatte eine sexuelle Komponente, da ihm offenbar als Teil der Folter ein Messer in den Anus gestochen wurde, weshalb der Journalist und Islamexperte Peter Scholl-Latour in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ am 13.12.2011 von einer Pfählung des Diktators sprach.

Anspach kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Aufbahrung des zu Tode Gefolterten und die endlose Prozession von Schaulustigen eine „perverse Art von Hommage“ darstellen. Die Fotos, welche die Voyeure, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, auf ihren Handys davontrugen, seien das „High-Tech-Äquivalent einer religiösen Reliquie.“ Anspach sieht dies im Zusammenhang mit der archaischen Doppelrolle des Sündenbocks, verantwortlich für alles Böse und gleichzeitig die Quelle der mysteriösen Heilung zu sein. Er zitiert den Übergangspremier Mahmoud Jibril, der die Tötung Gaddafis mit den Worten verkündete: „Alles Böse ist aus diesem Land verschwunden.“

Was wird nun aus Libyen, da es sich des Schurken entledigt hat? Darüber machen sich Mark Anspach und Peter Scholl-Latour im Gegensatz zu Mahmoud Jibril keine Illusionen. Die Abwesenheit des gemeinsamen Feindes stürzt die Gesellschaft in Chaos und Gewalt. Scholl-Latour prophezeit bei Maischberger einen „Zustand des Bürgerkrieges“, ein „Somalia an der Südküste des Mittelmeeres“. Auch Anspach befürchtet, dass die Konflikte zwischen rivalisierenden Stämmen oder zwischen den einheimischen Arabern und den schwarzen Gastarbeitern zurückkehren. Letztere waren, wie zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung am 6.9.2011 schrieb, bereits im Zuge des Umsturzes verfolgt, misshandelt und ermordet worden – auch sie Opfer einer Jagd auf Sündenböcke. Die Realität bestätigt diese Befürchtungen und straft die Worte des Übergangspremiers, mit Gaddafi sei alles Böse verschwunden, Lügen. Erst am 21.2.2012 berichtete Spiegel Online von „Kämpfen zwischen zwei Stämmen (…) im Süden Libyens“, bei denen „innerhalb von 24 Stunden mehr als 50 Zivilpersonen ums Leben gekommen“ seien.

Und was wird aus Ägypten ohne Mubarak, aus Tunesien ohne Ben Ali und – wir werden es erleben – aus Syrien ohne Assad? Für die archaische Lösung, die Versöhnung auf dem Rücken von Sündenböcken, sind wir „zu aufgeklärt“. Da wir den Sündenbockmechanismus durchschauen, bringt er nicht mehr die ursprüngliche friedenstiftende Wirkung hervor. Für Anspach und Girard ist dies ein Ergebnis der jüdisch-christlichen Tradition und der mit ihr verbundenen Sorge um die Opfer. Der Kreuzestod habe uns – so Anspach – gelehrt, argwöhnisch zu sein, wo auch immer jemand behandelt werde „wie Jesus in den Händen der römischen Soldaten“: eine entkleidete, bedauernswerte Figur, blutbefleckt, hilflos, verspottet und gequält – wie der vom gewalttätigen Mob durch die Straßen gezerrte Gaddafi. Dieser Argwohn beherrscht im Zeitalter der Globalisierung auch die internationale Politik. Wir verabscheuen die Gewalt mehr als je zuvor – und sind ihr doch immer stärker ausgeliefert. Anspach weist darauf hin, dass der tote Gaddafi in die Wüste geschickt wurde – genau wie der biblische Sündenbock, der die Sünden der Gemeinschaft mit sich nimmt. Gaddafi jedoch könne kaum die Probleme seines Landes mit sich genommen haben. Wie der Igel im Wettlauf mit dem Hasen ist unsere Gewalt immer schon da, weil sie sich in Wirklichkeit nicht vom Fleck bewegt. In der Ohnmacht gegenüber einer Gewalt, die sich immer schwerer rituell austreiben lässt, besteht René Girard zufolge das Apokalyptische unserer Gegenwart:

Demystification, which is good in the absolute, has proven bad in the relative, for we were not prepared to shoulder its consequences. We are not Christian enough.

(René Girard, “On War and Apocalypse”, firstthings.com)

„Christlich genug“ zu sein würde bedeuten, sich mit den Worten des Apostels Paulus nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern das Böse durch das Gute zu besiegen (Röm 12, 21). Die Libyer haben nichts kapiert – „The Libyans didn’t get it“, befindet Mark Anspach. Damit sind sie in guter Gesellschaft angesichts der hilflosen Versuche, allerorten – trotz besseren Wissens – der Gewalt mit Gewalt zu begegnen.

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