Der böse Wulff oder Wozu brauchen wir Skandale?

Inmitten der Medienspekulationen, wie lange sich der wegen eines privaten Kreditgeschäfts in der Kritik stehende Bundespräsident Christian Wulff noch im Amt halten kann, macht der Politikwissenschaftler Franz Walter auf SPIEGEL ONLINE die interessante Beobachtung, dass Skandale dieser Art auch eine reinigende Kraft haben. Neben der berechtigten Überwachung des Handelns unserer Politiker scheine es darüber hinaus „ein anthropologisches Bedürfnis nach einem Ventil des Skandals zu geben.“ Skandale würden geradezu inszeniert, und zwar „nach dem Muster des Bühnenstücks, das Schurken und Helden kennt, Aufstieg, Ruhm und Fall darstellt.“ Walter geht dieser Beobachtung nicht weiter nach, obwohl sie weitreichende Konsequenzen hat. Wenn es tatsächlich ein „anthropologisches Bedürfnis“ nach Skandalen gibt, dann erscheint die Schuldfrage zwangsläufig in einem anderen Licht. Dann ist der Protagonist des Skandals, der „Übeltäter“, zumindest auch das Opfer einer gesellschaftlichen Dynamik, die ihre eigenen Interessen verfolgt. Doch wie erklärt sich diese Dynamik, und woher kommt genau die „reinigende Kraft“ des Skandals?

Der amerikanischen Medienwissenschaftlerin Laura Kipnis zufolge ist in den Skandalen, die in vorhersehbarer Regelmäßigkeit die Gesellschaft elektrisieren, der von René Girard beschriebene Sündenbockmechanismus am Werk. Skandale sind deshalb so populär, weil sie ständig neue Sündenböcke produzieren. Im Online-Magazin „Slate“ beschreibt Kipnis, wie schnell zum Beispiel eine rassistische Bemerkung in den bei diesem Thema verständlicherweise hypersensiblen Vereinigten Staaten zum Skandal werden kann. Eine Radiomoderatorin hatte sich im Dialog mit einer schwarzen Anruferin zu einer beleidigenden Äußerung hinreißen lassen. Es folgte ein „nationaler Aufschrei“, Sponsoren zogen sich zurück, die Radiosendung wurde abgesetzt, und die Moderatorin war fortan als Rassistin gebrandmarkt. In den Augen Laura Kipnis‘ war sie zum „Sündenbock“ geworden. Kipnis stellt klar, dass Sündenböcke nicht unschuldig sein müssen. Im Gegenteil: Ihre Vergehen machten sie sogar zu besonders guten Sündenböcken. Der Grund liege darin, dass sie dann noch besser das Fehlverhalten absorbieren können, das wir an uns selbst verleugnen. Oder anders gesagt: Wir empören uns über andere, um uns unserer eigenen moralischen Integrität zu versichern. Für Kipnis ist der amerikanische Rassismus in Wirklichkeit ein Problem der gesamten Gesellschaft, das regelmäßig auf prominente Bösewichte projiziert wird. Kipnis hält die allgemeine Empörung über die rassistischen Äußerungen der Moderatorin für scheinheilig. Sie stellt die berechtigte Frage, wie es eine für ihre politisch unkorrekten Äußerungen und ihren rüden Umgangston berüchtigte rechtskonservative Radiomoderatorin überhaupt schaffen konnte, zu einer moralischen Autorität zu werden. Dahinter steht die Vermutung, dass es zumindest teilweise dieselben Leute sind, die einen Medienhelden produzieren, um ihn dann mit umso größerer Lust stürzen zu sehen.

Der biblische Sündenbock, der mit den Fehlern und Sünden der Gemeinschaft beladen in die Wüste geschickt wird, ist eine Schlüsselfigur in der anthropologischen Theorie René Girards. Girard zufolge beruht dieses Ritual auf einer fundamentalen Urerfahrung der frühen Menschheit. Eine in sich zerstrittene Gesellschaft einigt sich auf einen Schuldigen, der allein für die entstandene Krise verantwortlich gemacht wird. Dieser wird wie der sprichwörtliche Sündenbock ausgestoßen oder umgebracht. War man zuvor in allen Dingen uneinig, ist man jetzt vereint in der gemeinsamen Sache gegen das Opfer. Auf die Zwietracht folgt die wundersame Versöhnung, und der Frieden kehrt zurück. Diese Urerfahrung hat dann Eingang in die Mythen und Rituale, Regeln und Verbote menschlicher Kulturen gefunden. Noch im antiken Griechenland hielten sich die Städte als potenzielles Menschenopfer einen „pharmakós“, der in Krisenzeiten geopfert wurde. Folgt man Girard, so haben vor allem die biblischen Schriften maßgeblich zur Aufdeckung des zuvor unbewussten Sündenbockmechanismus beigetragen und sich konsequent auf die Seite der Opfer gestellt. Doch obwohl wir anders als archaische Gesellschaften den Sündenbockmechanismus durchschauen, haben wir ihn nicht etwa überwunden. Wir produzieren Sündenböcke am laufenden Band und finden in der Politik, in der Wirtschaft oder im Showbusiness ein unerschöpfliches Reservoir an Kandidaten für immer neue Affären und Skandale. Aus der anthropologischen Perspektive könnte man mutmaßen, ob unsere Politiker nicht in gewisser Weise die Rolle des griechischen pharmakós übernommen haben.

Ein untrügliches Merkmal von Skandalen ist auch für Franz Walter die allgemeine Empörung. In ihr spiegelt sich die Einmütigkeit der Verfolger gegen das Opfer des klassischen Sündenbockrituals. Der Skandal verbreitet sich wie ein Lauffeuer und polarisiert die Gesellschaft. Alle Medien berichten davon. Alles starrt gebannt auf das potenzielle Opfer. Spaßvögel hatten die auf den zweiten Blick vielleicht weniger spaßige Idee, Webseiten über deutsche Politiker zu veröffentlichen, bei denen es sich um vermeintliche Rücktrittskandidaten handelt. Darauf findet man in großer Schrift die Frage „Ist … noch im Amt?“, ein Foto des Politikers und – je nach dem – die Antwort „Ja“ oder „Nein“. Die identische Aufmachung solcher Webseiten und ihr serienmäßiger Charakter zeugen von der Ritualisierung des Rücktritts. Sie sind ein Beleg dafür, dass es eine gewisse Nachfrage nach Skandalen gibt. Dafür spricht auch der Dominoeffekt nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers zu Guttenberg, der eine ganze Welle von Enthüllungen über gefälschte Doktorarbeiten von Politikern nach sich zog.

Die genannten „Rücktritts-Webseiten“ zeugen von der Häme, die häufig mit dem Sturz des Protagonisten verbunden ist. Skandale gehen einher mit der Schadenfreude über das Scheitern einer zuvor angesehenen Person. Es ist schwer zu übersehen, dass Skandalisierung auf Ressentiments wie Neid und Eifersucht gegründet ist. René Girard geht von der fundamentalen Prämisse aus, dass menschliches Begehren „mimetisch“ ist, also auf Nachahmung beruht. Da wir nicht von selbst wissen können, was begehrenswert ist, kopieren wir das Verhalten unserer Mitmenschen. Wenn jedoch mehrere Menschen das Gleiche begehren, kommt es zwangsläufig zu einer Kollision ihrer Wünsche. Haben es zwei Mitarbeiter gleichzeitig auf den Chefsessel abgesehen, geraten sie zwangsläufig in Rivalität. Die Folge ist ein ständiger Wechsel von Ermutigung und Frustration. Wir fühlen uns durch das Modell, das wir kopieren, ermutigt. Die Rivalität endet aber im Frust über das Hindernis, das der Erlangung des Begehrten im Wege steht. Im Umkehrschluss halten wir gerade die Dinge, die nur schwer zu erlangen sind, für besonders begehrenswert. Deshalb haben wir zu den Modellen unseres Begehrens ein ambivalentes Verhältnis. Für ihren Erfolg bewundern wir sie. Wir ärgern uns aber zugleich, nicht auch „so“ zu sein oder „es so weit gebracht zu haben“. Wir beobachten genau, was sie tun, und ergötzen uns mit den Worten Franz Walters an ihrem „Aufstieg, Ruhm und Fall“. Wie das antike Drama mit seiner „kathartischen“ Wirkung führt auch das persönliche Drama eines gestrauchelten Vorbilds zu einer Art seelischen Reinigung bei den Betrachtern.

Ein Bundespräsident ist wie alle Spitzenpolitiker sehr gut für die Rolle des Protagonisten in einem solchen Drama geeignet. Die spezielle Sensibilität der US-amerikanischen Gesellschaft in Bezug auf den Rassismus hat ihre Entsprechung in der derzeitigen Sensibilität der Europäer in Bezug auf ihre wirtschaftliche Zukunft. Das zeigt sich an den reihenweise purzelnden Regierungen, deren Nachfolgern paradoxerweise nichts weiter übrigbleibt, als die beim Volk unbeliebte Sparpolitik fortzusetzen. In einer solchen Krisenstimmung fallen die konkreten Vorwürfe gegen das Staatsoberhaupt auf fruchtbaren Boden: Ein zinsgünstiger Kredit, wie ihn Normalbürger von ihrer Bank nur schwer erhalten, prominente und wohlhabende Freunde, die man auch gern hätte, Urlaube in exklusiven Ferienanlagen, die man sich nie leisten könnte. Hinzu kommen die Ressentiments, die sich im plakativen SPIEGEL-Titel „Der falsche Präsident“ aussprechen, nämlich die Vorbehalte derjenigen, die sich den Gegenkandidaten Joachim Gauck als Präsidenten gewünscht und noch eine Rechnung offen haben.

„Skandal“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Ärgernis“ oder „Stolperstein“. „Skandalon“ und das dazugehörige Verb sind Schlüsselwörter des Neuen Testaments. René Girard ist der Auffassung, dass sie dort gleichbedeutend sind mit der mimetischen Rivalität um ein begehrtes Objekt. Demnach handelt es sich beim skandalon analog zum Modell des mimetischen Begehrens um ein Hindernis, das uns auf paradoxe Weise anzieht und abstößt, um einen Stein, über den man zwangsläufig stolpert. Die Bibel sieht laut Girard in der nachahmenden Begierde die Quelle aller Ressentiments und der aus ihnen resultierenden Gewalt. Im letzten der zehn Gebote heißt es: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.“ Man muss sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, welche Gegenstände hier genau genannt werden oder in welcher Reihenfolge. Girard weist darauf hin, dass es nach der Aufzählung quasi resümierend heißt: „Nichts, was deinem Nächsten gehört“. Diese Aussage an prominenter Stelle zeigt Girard zufolge, dass die biblischen Schriften in der mimetischen Begierde ein Grundübel sehen. Sie führt dazu, dass die Menschen füreinander Ärgernisse sind, dass sie die Rivalität mit ihren Mitmenschen suchen und sich leicht „skandalisieren“ lassen. All unsere Vorbilder, ob Politiker, Rock- und Popstars oder sonstige „Eliten“ sind selbstgemachte Sonnen, um die wir kreisen – wie die rassistische Radiomoderatorin, die ohne ihre Fangemeinschaft nie zu einer moralischen Autorität hätte werden können. Deshalb sind wir nicht bloß Beobachter, sondern Mitwirkende des „Bühnenstücks, das Schurken und Helden kennt, Aufstieg, Ruhm und Fall darstellt.“

Skandale haben die von Franz Walter vermutete reinigende Kraft, weil sie Sündenböcke produzieren, die wir in die Wüste schicken, nachdem wir unsere eigene Schuld auf ihnen abgeladen haben. Außerdem schaffen sie in Krisenzeiten ein wohliges Wir-Gefühl gegenüber einer als korrupt und raffgierig wahrgenommenen Elite. Immerhin müssen die Opfer unserer rituellen Medienskandale nicht mehr befürchten, wie der griechische pharmakós gesteinigt oder auf andere Weise hingerichtet zu werden.

Wer da sagt, er sei im Licht, und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und ist kein Ärgernis in ihm. (1. Brief des Johannes, 2,9-10)

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: