Eine griechische Tragödie

In ihrem Artikel vom 8.11.2011 auf der Webseite des französischen Magazins L’Express bringt Christine Kerdellant die vielfach beschworene „Ansteckungsgefahr“ der gegenwärtigen Krise mit René Girards mimetischer Theorie in Zusammenhang. Sie stellt zunächst fest, dass „Ansteckung“ das Modewort der Krise ist. Das kann man bei einem Blick in die deutschen Medien nur bestätigen. „Eurokrise erfasst Versicherer. Aufseher befürchten Ansteckung“ meldet n-tv am 24.10.2011. „Ansteckung: Euro-Krise greift auf Osteuropa über“ heißt es am 14.11.2011 auf dem Online-Portal der Financial Times Deutschland. „Wir haben die Ansteckung im ganzen Euro-Raum“, wird Finanzminister Schäuble am 29.11.2011 auf der Webseite des Handelsblatts zitiert. Mit den Worten Kerdellants ist „Ansteckung“ ein wahres Schreckgespenst für die europäische Staatengemeinschaft. Die Autorin vergleicht die derzeitige Aufgeregtheit mit der Angst vor der Schweinegrippe, die so übertrieben wie kostspielig für die öffentlichen Finanzen gewesen sei.

Griechenland als Sündenbock

Irrationale Ängste führen zu irrationalen Reaktionen. In der von Girard beschriebenen „mimetischen Krise“ reicht das kleinste Gerücht, um das gegenseitige Misstrauen der Gesellschaft auf ein einzelnes Individuum zu lenken, das plötzlich die Gewalt aller auf sich zieht und stellvertretend geopfert wird. Die Wirksamkeit des Opfers beruht darauf, dass die Gemeinschaft davon überzeugt ist, dass sie durch die Opferung den tatsächlichen Krankheitsherd, den für alle Übel verantwortlichen Bazillus, beseitigt hat. Dem Opfer wird eine mythische Schuld an der Krise zugewiesen. Im Falle des gebeutelten Griechenlands fühlt sich Kerdellant an diesen Sündenbockmechanismus erinnert. Lange habe man das Land nicht anders als die weiteren Sorgenstaaten Spanien oder Portugal wahrgenommen. Mit den gewalttätigen Kundgebungen und der Idee des griechischen Ministerpräsidenten, eine Volksabstimmung über die Finanzhilfen abzuhalten, hätte sich das Land jedoch quasi selbst in die Rolle des alleinigen Sündenbocks versetzt. Dies habe dazu beitragen, den „Dämon“ der Ansteckungsgefahr vorerst auszutreiben, was sich an der verblüffenden Stabilität des Euros zeige (frei nach dem Motto „Ein jeder Dämon lässt von uns, sobald das rechte Blut geflossen ist“, wie es in Hofmannsthals „Elektra“ heißt).

Krise und Wahn

Auch Tomasz Konicz spricht in seinem Artikel „Krise und Wahn“, der am 4.11.2011 im Online-Magazin Telepolis erschien, von einer Sündenbockrolle Griechenlands in der europäischen Schuldenkrise. Er kritisiert die antigriechischen Ressentiments der deutschen Medien, wie sie sich in diskriminierenden Schlagzeilen wie „Spinnen die Griechen“ zeigen. Seinen Beispielen fügt man gern den Kommentar des BILD-Journalisten Nikolaus Blome vom 4.11.2011 hinzu. Unter der Überschrift „Schluss mit dem Griechen-Chaos“ klagt Blome, Griechenland mache „die ganze Welt irre“ und fordert, einen „Schlusspunkt“ zu setzen und Griechenland „für eine Zeit“ aus dem Euro zu werfen, „bevor die Demokratie in dem Land vor die Hunde geht“. Dass Griechenland ein Bauernopfer wäre, legt seine abschließende Bemerkung nahe: „Und bevor der Rest der Welt ganz Europa einfach abschreibt, weil es noch nicht einmal mit dem griechischen Problem fertig wird.“ Einmal mehr: Nur die Ausstoßung des Schuldigen gewährleistet das Überleben der (Europäischen) Gemeinschaft. Angesichts der aufgeheizten Atmosphäre und der fieberhaften Suche nach neuen Sündenböcken warnt Konicz, dass „die Krise auch den in Europa heimischen Nationalismus und Chauvinismus wieder aufblühen“ lasse, „da die Gegensätze zwischen den Staaten an Schärfe gewinnen und dies ebenfalls mit nationalistischen Schuldzuweisungen oder Angriffen einhergeht.“ Schließlich werde der Hass inzwischen von den an den Pranger gestellten Staaten erwidert, und Deutschland entwickle sich zum neuen Feindbild eines „Europäischen Zuchtmeisters“.

Ansteckung als Metapher

„Ansteckung“ ist eine Metapher aus dem Bereich der infektiösen Krankheiten. „Wann springt das Griechenland-Virus über?“, fragt sich das Handelsblatt am 16.6.2011. Das Schicksal Griechenlands erinnert an den Mythos des tragischen Königs Ödipus, der für den Ausbruch einer Epidemie verantwortlich gemacht und aus seiner Heimat verbannt wird. In seinem Essay „The Plague in Literature and Myth“ hat René Girard gezeigt, dass „Seuche“ oder „Pest“ – in vielen Sprachen synonym verwandt – häufig als Metapher für eine in Wahrheit menschengemachte Krise stehen, in der das gegenseitige Vertrauen verlorengeht (René Girard, To Double Business Bound: Essays on Literature, Mimesis, and Anthropology, Baltimore, 1978). Unsere Politiker betonen, dass es sich bei der europäischen Krise in Wirklichkeit um eine „Vertrauenskrise“ handelt, also um etwas Menschlicheres als einen Defekt im ökonomischen System. Was rechtfertigt aber die medizinische Metapher? Der offensichtliche Grund liegt Girard zufolge darin, dass sowohl die Seuche als auch die aus Krisen resultierende Gewalt als ansteckend empfunden werden. In einer „mimetischen“ Krise streitet man nicht mehr um Dinge. Hass und Gewalt haben sich verselbständigt, die Kontrahenten sind nur noch aufeinander fixiert und ahmen sich in ihren provozierenden Gesten nach. Ihr Verhältnis ist spiegelbildlich oder „reziprok“. Jede Beleidigung fordert eine Erwiderung heraus, die dann ebenfalls erwidert wird usw. Die Abwesenheit eines Streitobjektes führt dazu, dass die Gewalt sich „wie eine Seuche“ ausbreiten und jeden „infizieren“ kann, der sich ihr nähert. Wer als Schlichter vermitteln will, findet sich schnell auf der einen oder der anderen Seite des Konfliktes: „Die ungestillte Gewalt sucht und findet auch immer ein Ersatzopfer. Anstatt auf jenes Geschöpf, das die Wut des Gewalttätigen entfacht, richtet sich der Zorn nun plötzlich auf ein anderes Geschöpf, das diesen nur deshalb auf sich zieht, weil es verletzlich ist und sich in Reichweite befindet“ (René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt/Main 1992, S. 11). Man könnte sagen, dass die von Objekten der Begierde losgelöste Gewalt frei „umherschwirrt“ und nur noch darauf aus ist, sich auf jede mögliche Weise „abzureagieren“. Wir reden vom „Ausbruch“ der Gewalt, als ob es sich um eine Naturkatastrophe handelt und benutzen ein ähnliches Bild, wenn wir davon sprechen, sie „eindämmen“ zu wollen. Wir erfahren die Gewalt als eine anonyme Macht, die sich stetig ausbreitet und dabei alles vernichtet, was ihr in den Weg kommt. Eine Seuche hat die gleichen Auswirkungen wie die „soziale Seuche“ der Gewalt. Sie bringt Leid und Tod über die Menschen und ist ebenso ansteckend. Deshalb kann sie metaphorisch an die Stelle der Gewalt treten.

Mythische Verschleierung und christliche Offenbarung

Warum aber diese Verschleierung? In Girards Theorie hatten archaische Gesellschaften eine panische Angst vor dem Ausbruch von Gewalt. Sie waren stets der Gefahr ausgesetzt, dass eine soziale Krise zur Gewalt aller gegen alle und zur Auslöschung der gesamten Gesellschaft führt. Schließlich besaßen sie noch kein Rechtssystem, um Gewalttäter zu bestrafen und so den Teufelskreis der Rache zu durchbrechen. Dies gelang ihnen durch die Identifikation eines Schuldigen, eines Sündenbocks, der wie der tragische Held Ödipus als „stellvertretendes Opfer“ aus der Gesellschaft ausgestoßen wurde. Die Gewalt aller gegen alle wird so zur Gewalt aller gegen das Opfer. Die neue Einigkeit bringt den Frieden zurück. Die Gesellschaft durchschaut diesen Mechanismus nicht. Aus Mangel an Erklärungen schreibt sie dem Opfer die Verantwortung sowohl für die Gewalt als auch für die wundersame Heilung zu. Das Opfer wird zu einer gleichermaßen gefürchteten und geachteten Gottheit. Die Umstände der Opferung fließen in verschleierter Form in die religiösen Praktiken der aus den Trümmern ihrer Gewalt auferstandenen Gesellschaft ein. Mythen und Rituale, Regeln und Verbote haben den einzigen Zweck, einem neuen Ausbruch der Gewalt vorzubeugen. Die Verschleierung besteht darin, die eigentlich menschlichen Ursachen der Gewalt einer äußeren Macht zuzuschreiben. Der zuvor unbewusst ablaufende „Sündenbockmechanismus“ wird Girard zufolge erst mit dem Christentum transparent. Das Alte und dann noch stärker das Neue Testament berichten ebenfalls von kollektiver Gewalt gegen Sündenböcke. Allerdings ergreifen sie stets die Partei der unschuldigen Opfer und enthüllen damit „die Wahrheit des Mythos“. Sie eröffnen den Übergang vom Prinzip der „magischen Kausalität“ zum modernen Denken und stehen am Beginn unserer Sorge um die Opfer. Unser Wissen über den Sündenbockmechanismus nimmt ihm aber auch seine versöhnende Wirkung und setzt uns paradoxerweise umso stärker den Gefahren einer zerstörerischen Gewalt aus. Daraus resultiert Girard zufolge auch der apokalyptische Charakter der Evangelien.

Pulverfass Europa

In seinem neuesten Buch Achever Clausewitz, 2010 unter dem Titel „Battling to the End“ auf Englisch erschienen, sagt René Girard:

Freed of sacrificial constraints, the human mind invented science, technology, and all the best and worst of culture. Our civilization is the most creative and powerful ever known, but also the most fragile and threatened because it no longer has the safety rails of archaic religion. Without sacrifice in the broad sense, it could destroy itself if it does not take care, which clearly it is not doing (Battling to the End, Michigan State University, xiv).

Noch ist Griechenland in der EU und darf vorerst auch den Euro behalten, solange es sich den strengen Sparvorgaben beugt. Das Gerede von einem in Europa grassierenden Virus, der potenziell ein Land nach dem anderen ansteckt, verheißt aber nichts Gutes. Es zeigt, dass wir in Krisenzeiten in archaische Denkmuster zurückfallen. Daran erinnern die Analysen von Christine Kerdellant und Tomasz Konicz. Der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal erhoffte sich am Beginn des letzten Jahrhunderts, dass der 1. Weltkrieg Europa vom „Chaos“ der Vorkriegsjahre „reinigen“ und der Kontinent aus einem „Meer von Blut und Tränen“ auferstehen würde (vgl. dazu mein Buch Priester und Opfer: Hofmannsthals Ödipus aus Sicht der Mythen-Theorie René Girards, Marburg 2011). Wie wir heute wissen, hat der 1. Weltkrieg jedoch nicht zu einer neuen Ordnung des Friedens geführt, sondern lediglich einen weiteren, noch schlimmeren Weltkrieg vorbereitet. „Unsere“ Opfer können im Unterschied zu den archaischen Opfern keinen Frieden mehr hervorbringen. Deshalb wäre eine neue Eskalationsdynamik äußerst gefährlich.

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