Die Wurzeln des Terrors

Offenbar ermordete ein Neonazi-Trio aus Jena zwischen 2000 und 2006 in unregelmäßigen Abständen und in scheinbar beliebigen Orten neun Kleinunternehmer, die alle einen türkischen oder griechischen Migrationshintergrund hatten. Nach dem Selbstmord der zwei männlichen Terroristen und der Festnahme ihrer mutmaßlichen Komplizin beschäftigt sich Deutschland vor allem mit dem Versagen der Geheimdienste und der Polizei, die jahrelang eine falsche Fährte verfolgten und vor allem im Bereich der organisierten Kriminalität ermittelten. Was sind aber die Wurzeln terroristischer Gewalt? Was treibt die Attentäter an? Erst im Sommer dieses Jahres hatte der Norweger Anders Breivik ein Massaker in einem Jugendcamp der norwegischen Arbeiterpartei angerichtet. Kann die mimetische Theorie René Girards zum Verständnis solcher Gewalttaten beitragen?

Rivalität in der Globalisierung

Diese Frage wurde dem französischen Anthropologen und Religionswissenschaftler kurz nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde gestellt, das am 6. November 2001 erschien. Girard sagte, dass unser Denkfehler darin bestehe, Konflikte stets für das Ergebnis nicht zu überbrückender Differenzen zu halten. Seine mimetische Theorie sieht die Ursache für gewaltsame Auseinandersetzungen dagegen darin, dass die Beziehungen zwischen Menschen, Ländern oder Kulturen durch Konkurrenz und Rivalität geprägt sind. Menschen streben nach dem, was schon ein anderer besitzt, und versuchen, dieses notfalls auch mit Gewalt zu erlangen. Ihre Beziehungen beruhen auf der gegenseitigen Nachahmung ihres Begehrens. Terrorismus entsteht Girard zufolge nicht dadurch, dass die Terroristen in einer völlig anderen Welt leben, die nicht mit der unsrigen kompatibel ist. Er wird im Gegenteil hervorgebracht durch ein verzweifeltes Verlangen nach Zugehörigkeit. So verkörpert der Islamismus für Girard das Aufbegehren der „Dritten Welt“, die sich in einer mimetischen Rivalität mit dem Westen um ein Leben in Wohlstand und Sicherheit befindet. Die Konkurrenzbeziehungen des globalisierten Marktes sind für diejenigen eine gute Sache, die als Gewinner daraus hervorgehen. Wenn aber die Gewinner immer die gleichen sind, werfen die Verlierer eines Tages den Spieltisch einfach um.

Anziehung und Abstoßung

René Girard fragt, ob die Attentäter des 11. September angesichts ihrer Effektivität, ihres durchdachten Vorgehens, ihres umfassenden Wissens über die Vereinigten Staaten nicht wenigstens ein bisschen „amerikanisch“ gewesen seien. Aus deutscher Sicht könnte man fragen: Waren sie nicht auch ein bisschen deutsch? Schließlich haben sie die Attentate in Hamburg geplant und jahrelang als unauffällige Studenten dort gelebt. Konnten sie vielleicht nur deshalb zu Massenmördern werden, weil sie Tag für Tag von den Lastern einer freizügigen Konsumgesellschaft umgeben waren und die Reeperbahn als Inbegriff alles Verwerflichen direkt vor der Tür lag? Andrew McKenna, Literaturprofessor an der Jesuitenhochschule Loyola in Chicago, greift in seinem Essay „Scandal, Resentment, Idolatry: The Underground Psychology of Terrorism“ Girards Argumentation auf. Er zitiert das islamistische Manifest „Milestones“, das den Moslems in der Diaspora nahelegt, sich bei ihrem „Marsch durch einen Ozean der Gottlosigkeit“ zwar grundsätzlich von den moralischen Übeln fernzuhalten, doch eine gewisse Bindung zu ihnen aufrechtzuerhalten. Dies birgt natürlich die „Gefahr der Ansteckung“. Folglich wird die Psyche des unter Ungläubigen lebenden Moslems von Kräften der Anziehung und Abstoßung beansprucht, welche sich gegenseitig verstärken. So ist das gewaltsame Ende des Selbstmordattentäters auch die finale Entscheidung eines Kampfes, der in ihm selbst tobt.

Unerfülltes Begehren als Quelle von Ressentiments

In der berühmten Fabel gelingt es dem Fuchs nicht, an die üppigen, reifen Trauben heranzukommen. Hochmütig zieht er von dannen mit der Bemerkung, die Trauben seien ihm sowieso zu sauer. In Girards mimetischer Theorie richtet sich der Wunsch zwanghaft auf das schwer Erreichbare. Der Mensch weiß nicht von selbst, was er begehren soll. Er folgt dem Mainstream, einem Vorbild oder irgendeiner Mode, und gerät dadurch in Konkurrenz zu den Mitmenschen, die das Gleiche begehren. Er erfährt früh, dass ihm bei der Erlangung des Begehrten andere im Wege stehen. Im Umkehrschluss hält er alles, das ihm verwehrt wird, gerade dadurch für begehrenswert. Frustration ist damit vorprogrammiert. Sie ist in Girards Theorie die Wurzel aller Ressentiments und allen Hasses. Man könnte die Fabel vom Fuchs und den Trauben weiterspinnen. Der Fuchs scheitert immer wieder aufs Neue. Sein Verlangen wird dadurch nicht kleiner, sondern steigert sich ins Unermessliche. Die Trauben erscheinen ihm als das Köstlichste, was er sich überhaupt vorstellen kann. Er wird beobachten, dass andere ihm die Früchte vor der Nase wegschnappen, und er wird sie dafür leidenschaftlich hassen. Vielleicht wird er lieber alle Trauben vernichten, als sie seinen Rivalen zu überlassen. Oder er wird seinen Frust direkt an ihnen auslassen. Von der gekränkten Eitelkeit des Verlierers bis zur Gewalttätigkeit ist es nur ein kurzer Weg.

15 Minuten Ruhm

Unsere Gesellschaft ist geprägt von dem Wunsch des Einzelnen „dazuzugehören“, soziale Anerkennung zu erhalten, Karriere zu machen etc. Niemand will nur ein kleines Licht sein, das sein Dasein unbeachtet am Rande der Gesellschaft fristet. Man träumt von den sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm, die Andy Warhol jedem in der Zukunft verspricht. Davon leben unter anderem die zahllosen Talent- und Realityshows, die das Massenmedium Fernsehen in Serie produziert. Anders als in ständisch geprägten Kulturen, in denen die Position des Einzelnen per Geburt festgelegt ist, sind in der demokratischen Gesellschaft die steilsten Karrieren möglich. Was auf den ersten Blick als Errungenschaft erscheint, kann verhängnisvolle Konsequenzen haben. Die Durchlässigkeit der Gesellschaft feuert die Ambitionen der Menschen an, vermehrt aber auch ihre Frustrationen. Andrew McKenna verwendet in seinem Essay das Bild eines heiligen Zentrums, um dessen Besetzung die Menschen am Rande gegeneinander kämpfen. Er sieht wie Girard im Begehren die imaginierte Aneignung eines Objekts, das einem von anderen verwehrt wird. Ressentiments und Hass sind gleichbedeutend mit dem Rachewunsch gegenüber denjenigen, die die Erfüllung des Begehrens verhindern.

Die Psychologie des Terrors

Für McKenna bilden solche Ressentiments die „Psychologie“, welche dem Terrorismus zugrunde liegt. Bruder des Hasses ist der Selbsthass, die Frustration über das eigene Versagen im Kampf um einen „Platz an der Sonne“. Die Enttäuschten ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, die ihnen den Einlass in ihr Heiligstes verwehrt. In der Isolation schaffen sie sich eine fantastische Gegenwelt und erlangen so die verlorene Selbstachtung zurück. Der Attentäter von Oslo hält sich für einen „Tempelritter“ auf dem Kreuzzug gegen Marxisten und Muslime, wie am 27.7.2011 bei Welt Online zu lesen ist. Die thüringischen Neonazi-Terroristen sahen sich als „Heimatschützer“ und als Kämpfer im „Nationalsozialistischen Untergrund“. In ihrem Bekennervideo inszenieren sie sich als Alter Egos des „Rosaroten Panthers“, der in der gleichnamigen Comicserie mit der Polizei Katz und Maus spielt. McKenna zufolge sind Terroristen von der Gesellschaft, die sie bekämpfen, abhängig, indem nur diese die „Integrität ihres Credos“ garantieren kann. Das Jenaer Terrortrio musste demnach immer wieder töten, um sich in der selbstgewählten Außenseiterrolle ständig neu zu bestätigen. In einem Beitrag für das Magazin Cicero vom 22. November 2011 über Uwe Mundlos, den “stille[n] Ideologe[n] des Neonazi-Mordkommandos“, befragt die Autorin Petra Sorge den Jenaer Stadtjugendpfarrer, wie es seiner Meinung nach zu den grausamen Morden kommen konnte:

Warum all diese grausamen Morde? Jenas Stadtjugendpfarrer Lothar König klammert sich an seine Keramiktasse, die Knöchel treten weiß hervor. Die Illegalität muss Mundlos und seine Komplizen in den Wahnsinn getrieben haben, sagt er. […] Kein Kontakt zur Außenwelt – keine Freunde, keine Sonne, nur psychischer Terror. „Die einzige Rechtfertigung, warum man noch am Leben ist, ist das Morden.“

Die auf den ersten Blick vielleicht etwas hilflos wirkende Erklärung des Befragten enthält beim genaueren Hinsehen eine fundamentale Wahrheit. Der „Wahnsinn“ der Terroristen ist das Ergebnis ihrer Illegalität, in der sich ihre Frustration ins Unendliche steigert. Ihre Gefühlswelt oszilliert zwischen Allmachtsfantasien, Herrscher über Leben und Tod zu sein, und der Einsamkeit der Isolation. Am Ende verlieren die Outlaws jeden Bezug zur Wirklichkeit, und alles dreht sich nur noch um das Ausleben ihres Hasses. McKenna zufolge ist der heroische Glanz des Terrordaseins das Kehrbild der als trist empfundenen Wirklichkeit. Der Frust über diese Wirklichkeit zeigt sich auch in dem Motto „Taten statt Worte“, wie es in dem zynischen Bekennervideo der Attentäter heißt („Neonazis wollen Taten statt Worte“, FAZ.NET vom 15.11.2011). Durch ihre „Taten“ erlangen sie den Ruhm, der ihnen im wirklichen Leben verwehrt bleibt. Damit ist Terrorismus auch eine extreme Form des Strebens nach Selbstvergöttlichung. Von ihrem zweifelhaften Ruhm konnten die Thüringer Terroristen schon zu Lebzeiten zehren. In der Neonazi-Szene wurden sie zu Helden stilisiert, und man „feierte die Mordserie […] sogar mit einem eigens dazu komponierten Lied“ („Nazis feierten Mordserie mit „Döner Killer“-Song“, FR ONLINE vom 18.11.2011).

Marginalisierung

Feindbild der Jenaer Terroristen war offensichtlich die multikulturelle Gesellschaft. Kern aller fremdenfeindlichen Ideologien ist die Angst vor „Überfremdung“, vor der schädlichen Infiltrierung einer als „rein“ empfundenen „Heimatkultur“. Es ist die Angst der selbsternannten Herren, im eigenen Haus nichts mehr zu sagen zu haben. Auffallend ist, dass die Opfer der Attentate ausnahmslos kleine Geschäftsleute waren – Blumen-, Obst- und Gemüsehändler, Imbissbetreiber etc. Es handelte sich bei ihnen keineswegs um gescheiterte Existenzen, sondern um Beispiele für eine gelungene Integration. Petra Sorge beleuchtet in ihrem Cicero-Artikel das Milieu, aus dem die beiden männlichen Attentäter stammen: Vororte von Jena, die heute durch mehr und mehr verfallende Plattenbauten gekennzeichnet sind und nach der Wende unter einer hohen Arbeitslosigkeit litten. Es ist denkbar, dass der Hass der Attentäter auf die multikulturelle Gesellschaft in ihrem Neid auf die Einwanderer begründet ist, die erreicht haben, was ihnen selbst verwehrt blieb. Individuelle Frustration paart sich leicht mit den kollektiven Ressentiments der Gesellschaft. Unter der Überschrift „Ostdeutschland wurde abgehängt“ veröffentlichte die Ostseezeitung am 7.10.2011 einen Leserbrief zur geplanten Streichung einer Zulage für betriebliche Investitionen in den ostdeutschen Bundesländern. Der Leser schreibt:

Bis 2019 muss der Solidarpakt bleiben, da der Osten die Investitionen noch dringend braucht. Bisher haben schon hunderttausende Ostdeutsche ihre Heimat verlassen und in den nächsten zehn Jahren wird erwartet, dass fast weiterhin eine Million auswandern. Welche Ursachen hat diese Auswanderungswelle, nach über zwanzig Jahren deutsche Einheit? Weshalb kommen Wirtschaft, Löhne und Gehälter im Osten Deutschlands in diesen über zwanzig Jahren nicht voran? Darauf sollte einmal ein Politiker eine Antwort geben.

Dieser Leserbrief und die vielleicht von der Redaktion gewählte plakative Überschrift illustrieren die von vielen Bewohnern Ostdeutschlands empfundene Marginalisierung. Bereits vor dem Mauerfall hatte man „DDR“ selbstironisch als „Der doofe Rest“ übersetzt. Bei vielen Ostdeutschen sitzen die Ressentiments gegen den damals wie heute wirtschaftlich überlegenen Westen tief. Sie sind der ideale Nährboden für die Aktivitäten der teilweise auch aus dem Westen kommenden Neonazis in Ostdeutschland. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung glaubten nur 5 Prozent (!) der Ostdeutschen, dass die beiden Landesteile inzwischen zusammengewachsen sind. Dies ergab eine Umfrage im Auftrag der Volkssolidarität (Quelle: tagesschau.de). Es besteht die Gefahr, dass die Neonazis zur Stimme der „Abgehängten“ in den ostdeutschen Bundesländern werden – wenn sie das nicht schon längst sind. Sie veranstalten Bürgerfeste und Rockfestivals und kopieren die antikapitalistische Rhetorik linker Protestbewegungen. Laut Wikipedia fand 2004 der „Dritte Thüringen-Tag der nationalen Jugend“ unter dem Motto „Kapitalismus abschaffen – Globalisierung bekämpfen!“ statt. Wie die islamistischen Terroristen den Minderwertigkeitskomplex der dritten Welt gegenüber der westlichen Welt instrumentalisieren, machen sich die Neonazis das soziale Gefälle zwischen West- und Ostdeutschland zunutze. Die Jenaer Terroristen haben fast alle Attentate in Westdeutschland verübt. Auch darin spiegeln sich ihre Ressentiments gegenüber einer multikulturellen westdeutschen Gesellschaft.

Angst und Schrecken

Im Epilog seines neuesten Werks „Achever Clausewitz“, das unter dem Titel „Battling to the End“ bereits ins Englische übersetzt wurde und das 2012 im Suhrkamp Verlag auf Deutsch erscheint, sagt René Girard eine weltweite Verschärfung der terroristischen Bedrohung voraus. Er sieht im Islamismus nur ein Symptom für den globalen Trend zur terroristischen Gewalt als Reaktion der Benachteiligten auf die Wohlstandsverheißungen der Konsumgesellschaft. Die mimetische Theorie lehrt, dass Terrorismus aus Ressentiments entsteht, die wiederum ihre Wurzeln im mimetischen Charakter des menschlichen Begehrens haben. Seine Ressentiments führen den Terroristen in ein mimetisches Abhängigkeitsverhältnis zu der ihn umgebenden, ihm verhassten Gesellschaft. Der Untergrundkampf gegen diese Gesellschaft wird nach und nach zum Selbstzweck, zur einzig verbliebenen Quelle von Bestätigung und sozialer Anerkennung. In der totalen Fixierung auf die feindlichen Kräfte gerät alles andere aus dem Blickfeld. Irgendwann bestand das Leben der in das benachbarte Bundesland geflüchteten Neonazi-Terroristen nur noch aus ihrem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Dabei sind sie schließlich selbst auf der Strecke geblieben. Die mimetische Theorie stellt mit den Worten Andrew McKennas die Frage, was uns mit den Attentätern verbindet, und wie wir ihr bizarres Tun mit unserem eigenen Verhalten in Beziehung setzen können. Und wie wir ihrer Gewalt wissenschaftlich begegnen können, wenn wir das römische Sprichwort „Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches ist mir fremd“ beherzigen wollen. „Terror“ heißt wörtlich „Schrecken“, „Angst“. Ein Terrorist ist jemand, der Angst unter den Mitmenschen verbreiten will. Aus Sicht der mimetischen Theorie könnte man sagen, dass es sich dabei um seine eigene Angst handelt, die unser aller Angst vor der Marginalisierung, dem „sozialen Absturz“, einem Leben „am Rande der Gesellschaft“ ist.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: