Königsopfer im irischen Moor

Am 6. Oktober 2011 berichtete Angelika Franz bei SPIEGEL ONLINE von der Entdeckung einer neuen Moorleiche in Irland. Es handelt sich dabei offenbar um einen König aus der Keltenzeit, der seinen Verletzungen zufolge auf grausame Weise umgebracht worden war. Zuvor hatte es bereits ähnliche Funde gegeben. Warum aber haben die Kelten ihre Oberhäupter getötet? Franz befragte dazu einen Mitarbeiter des Irischen Nationalmuseums. Dieser stellte die folgende These auf: Die Kelten sahen in ihren Königen Stellvertreter der Sonne. Die Sonne stellte den männlichen Gegenpart zur weiblichen Erde dar. Das hieß, dass die Könige aus Sicht der Kelten im Prinzip mit der Erde „verheiratet“ waren. Man habe angenommen, dass im Winter die Erdgöttin alt und gebrechlich geworden sei und zur Revitalisierung einen neuen Gatten benötigte. Dies habe die Tötung des alten und die Einsetzung eines neuen Königs notwendig gemacht.

Sakrales Königtum

Diese Deutung deckt sich auf faszinierende Weise mit René Girards anthropologischer Theorie. In Das Heilige und die Gewalt diskutiert Girard ausführlich die in vielen archaischen Kulturen übliche Opferung des Königs. Das Oberhaupt wird nicht immer buchstäblich umgebracht. Es nimmt auch an Ritualen teil, in denen es herabgewürdigt, beschmutzt und symbolisch geopfert wird. Es erscheint als Quell alles Guten und alles Bösen zugleich. Girard sieht die Wurzeln dieser Ambivalenz in der gesellschaftsgründenden Erfahrung des Versöhnungsopfers. Ein in sich zerstrittenes Volk lenkt die gegenseitigen Animositäten auf einen Sündenbock, der ausgestoßen oder getötet wird. Die plötzliche Einigkeit der Gesellschaft gegen das Opfer beendet die Krise. Aus Mangel an Erklärungen wird die magische Versöhnung dem Opfer selbst zugeschrieben. War es zunächst an allem Übel Schuld, wird es nach seiner Beseitigung zu einer Gottheit verklärt. Das Opfer ist heilig und verflucht zugleich, was sich in der entsprechenden Doppelbedeutung des lateinischen Wortes sacer – „sakral“ – niedergeschlagen hat.

Der erste Mord

Die Erfahrung der wundersamen Heilung wird in den kulturellen Praktiken der erneuerten Gesellschaft bewahrt. Mythen und Rituale wie auch Regeln und Verbote dienen dazu, einer neuen Krise vorzubeugen. Mythen erzählen die Umstände der Opferung in verzerrter Form nach, da die Gesellschaft den sakrifiziellen Mechanismus nicht durchschaut. In Ritualen wird die Opferung wiederholt: „Der Ritus ist die Wiederholung eines ersten spontanen Lynchmordes, in dessen Folge in der Gemeinschaft wieder Ordnung herrschte: er hat gegen das versöhnende Opfer die in der gegenseitigen Gewalt verlorengegangene Einheit wiederhergestellt“ (René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt am Main 1992, S. 142). Im Falle der in Irland gefundenen Moorleichen scheint es sich um die Opfer einer rituellen Gewalt zu handeln, die sich traditionell gegen die eigenen Könige richtete.

Kritische Zeiten

Den rituellen Charakter der Tötungen betont auch Angelika Franz: Die keltischen Könige seien „vielleicht nicht jedes Jahr, damit der Verschleiß an Monarchen nicht zu groß wurde – aber zumindest in ritualisierten Abständen“ geopfert worden. Es ist bezeichnend, dass die Opferungen offenbar bevorzugt im Winter stattfanden. Das ist für eine Agrargesellschaft die kritische Zeit, in der sich ihre Überlebenschancen entscheiden. Jede Bedrohung wird mit Gewalt assoziiert, und auch Naturkatastrophen werden als solche wahrgenommen. Nicht umsonst sprechen wir noch heute von Naturgewalten. Zum einen kann ein harter Winter ganz praktisch zu einem Mangel an Nahrung führen, der in einen unerbittlichen Kampf um die knappen Güter mündet. Zum anderen sind äußere Faktoren wie Krankheiten oder eben Naturkatastrophen Metaphern für die gegenseitige Gewalt, weil die Auswirkungen für die Gemeinschaft jeweils die Gleichen sind – die Auflösung der Ordnung und ein Versinken im Chaos. Die Kelten haben wohl in besonders harten Wintern gehofft, durch die Opferung ihres Königs und die Einsetzung eines neuen Herrschers die schwierige Zeit besser zu überstehen.

Königliche Leichen

Zum Opfer kollektiver Gewalt kann im Prinzip jeder werden. Wen das Schicksal trifft, ist laut Girard zufällig, wird jedoch begünstigt durch eine Außenseiterstellung in der Gesellschaft. Wer aufgrund seines sozialen Rangs oder einer körperlichen Eigenart aus der Masse hervorsticht, ist besonders gefährdet. Das trifft auf den König in seiner exponierten Position uneingeschränkt zu: „Der König regiert nur kraft seines künftigen Todes; er ist nichts anderes als ein Opfer, das seiner Opferung, ein zum Tode Verurteilter, der seiner Hinrichtung harrt“ (Das Heilige und die Gewalt, S. 159). Während die jetzt gefundene Moorleiche noch ausgiebig analysiert wird, schildert Angelika Franz interessante Details zweier weiterer königlicher Leichen aus dem irischen Moor. „Old Croghan Man“ sei fast zwei Meter groß gewesen. Er muss seinen Zeitgenossen damit geradezu monströs erschienen sein. „Clonycavan Man“ hingegen war mit 1,57 m eher klein und zudem ausgesprochen hässlich: „Er hatte eine Kartoffelnase und schiefe Zähne“. Zudem trug er eine auffallende Irokesenfrisur. Bei beiden findet man körperliche Eigenarten, die vielleicht bei ihrer Auswahl als Opfer oder schon bei der Wahl zum König eine Rolle gespielt haben.

Blutige Grenzziehung

Der Gründungscharakter der rituellen Königsopfer drückt sich in einem letzten Detail aus, von dem die SPIEGEL ONLINE-Autorin berichtet: „Alle Moorleichen wurden entlang wichtiger Grenzlinien der Erde übergeben.“ Neben der inneren Ordnung strukturieren sie dadurch auch die Ordnung in Bezug auf die Reichsnachbarn. Der „erste spontane Lynchmord“ beendet Girard zufolge die gesellschaftliche Krise und etabliert eine neue Ordnung: „Wenn das versöhnende Opfer allein den Entstrukturierungsprozeß unterbrechen kann, dann steht es am Ursprung aller Strukturierung“ (Das Heilige und die Gewalt, S. 139). Es ist demnach plausibel, dass die Rituale des keltischen Stammes, welche den „Gründungslynchmord“ nachahmen, auch die Bestätigung seiner Reichsgrenzen einschließen. Die Beerdigung der Opfer entlang der Grenze zu den benachbarten Stämmen ist ein eindrucksvolles Symbol dafür, dass die Definition von Herrschaftsbereichen auf Gewalt gegründet ist. Die neuen Funde aus dem irischen Moor stellen damit eine faszinierende Ergänzung zu den vielen ethnologischen Feldbeispielen dar, die René Girard bisher als Beleg für seine These vom Gründungscharakter der kollektiven Gewalt gegen Sündenböcke analysierte.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: