René Girard und die Postmoderne

Dieses Blog widmet sich dem Denken des Literaturwissenschaftlers, Anthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Begegnet bin ich seinem Werk in den 1990er Jahren als Student der Anglistik und Amerikanistik. Vor allem in den USA gab es einen regelrechten Boom theoretischer Fragestellungen in den Literaturwissenschaften. Es dominierte der Poststrukturalismus, der den Strukturalismus abgelöst hatte. Im Zentrum der theoretischen Debatten standen das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und die Frage, inwieweit das menschliche Denken durch sprachliche Strukturen bestimmt wird.

Die Macht der Zeichen

Die Strukturalisten beriefen sich auf die Zeichentheorie des Schweizer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure, nach der sprachliche Zeichen ihre Bedeutung immer nur in Beziehung zu anderen Zeichen erlangen. De Saussure betrachtete die Sprache als ein geschlossenes Zeichensystem, das durch binäre Oppositionen wie Oben/Unten, Groß/Klein, Gut/Böse etc. strukturiert wird. Bedeutung ergibt sich demnach immer nur in der Wechselwirkung der Zeichen. „Oben“ ist eben „Oben“, weil es nicht „Unten“ ist und umgekehrt. Das Zeichen selbst hat keine Essenz, sondern ist „arbiträr“, willkürlich. Dass ein Baum „Baum“ heißt und nicht „Blume“, ist lediglich eine sprachliche Übereinkunft. Die Strukturalisten übertrugen diese Einsicht auf andere, nichtlinguistische Gebiete. Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss untersuchte die Mythen und Rituale archaischer Kulturen. Er fand, dass diese nach der Logik sprachlicher Zeichen funktionieren, also ebenfalls durch binäre Oppositionen strukturiert sind. Lévi-Strauss nahm an, dass das menschliche Denken selbst verantwortlich ist für die Wahrnehmung der Wirklichkeit in binären Strukturen. Für den Psychoanalytiker Jacques Lacan war auch das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert. Roland Barthes wendete das von de Saussure beschriebene Zeichensystem auf literarische Erzählstrukturen an. Die Strukturalisten sahen ihre Aufgabe darin, die „Grammatik“ zu beschreiben, welche menschliche Kulturen, literarische Werke, das Unbewusste oder ganz allgemein das menschliche Denken strukturiert.

Poststrukturalismus und Dekonstruktion

Der Poststrukturalismus ging wie der Strukturalismus davon aus, dass die Sprache eine fundamentale Bedeutung für die Konstitution von Wirklichkeit hat. Allerdings bezweifelte er, dass die Gesetze dieser Wirklichkeitskonstitution objektiv erkennbar sind. Er hinterfragte die Möglichkeit von Bedeutung überhaupt und versuchte zu zeigen, dass sich literarische oder philosophische Texte einem ihnen vorausgehenden Sinn ständig entziehen. Für die Poststrukturalisten gab es keinen sicheren Ort, von dem aus sich die Wirklichkeit objektiv betrachten und beschreiben ließ. Der vermutlich berühmteste Poststrukturalist Jacques Derrida sah analog zu den Strukturalisten in der Welt eine Art Text, in welchem Zeichen immer auf andere Zeichen verweisen, allerdings eher in der Form einer flimmernden Oberfläche ohne festen Bezugspunkt. Die von ihm begründete „Dekonstruktion“ stellte alles in Frage, was „metaphysisch“ ist. Derrida zufolge sind Konzepte wie „Sinn“, „Bedeutung“, „Natur“, „Wirklichkeit“ oder „Gott“ – also die letzten Dinge, mit denen sich die Philosophie beschäftigt – nicht absolut, sondern kontextabhängig. Doch auch ihr Kontext ist potenziell unbegrenzt und wiederum interpretationsbedürftig. Für Derrida waren metaphysische Konzepte nachträgliche Konstruktionen, die sich in einer textnahen Lektüre „dekonstruieren“ ließen. Er versuchte zu zeigen, wie sich in die Texte der Strukturalisten trotz vorgeblicher Neutralität immer wieder und notwendigerweise die Sehnsucht nach einem Absoluten „einschrieb“, das seine Bedeutung eben nicht nur aus der gegenseitigen Wechselwirkung sprachlicher Zeichen bezieht. Um nicht in die gleiche Falle zu tappen, wählten die Poststrukturalisten einen sperrigen, verrätselten Schreibstil, der die Lektüre ihrer Texte durchaus zur Qual machen kann. Sie mussten schließlich mit dem Dilemma fertig werden, etwas Substanzielles zu sagen, ohne ihren Zweifel an der Möglichkeit jeglicher Substanz zu verraten. Sogar die Autonomie des Subjekts wurde lustvoll dekonstruiert, wofür das poststrukturalistische Credo „Ich ist ein Anderer“ steht, das Jacques Lacan von Arthur Rimbaud entliehen hatte.

Mimetisches Begehren

Auch René Girard wurde zunächst dem Kreis der Strukturalisten und Poststrukturalisten zugeordnet. So findet er sich in Gesellschaft namhafter Poststrukturalisten in der 1979 erschienenen Anthologie „Textual Strategies: Perspectives in Post-Structuralist Criticism“. Sein erstes Werk „Mensonge romantique et vérité romanesque“ aus dem Jahr 1961 erschien erst 1999 unter dem Titel „Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität“ auf Deutsch. Darin untersuchte Girard als Literaturwissenschaftler die Rolle der Nachahmung für das menschliche Begehren. Er stellte die These auf, dass so verschiedene Schriftsteller wie Cervantes, Shakespeare, Flaubert, Stendhal oder Dostojewski die Einsicht in den „mimetischen“ Charakter des Begehrens verbindet. Demnach begehren wir stets, was bereits ein anderer begehrt, richten uns nach Vorbildern und orientieren uns an der Mode. Ein eindringliches literarisches Beispiel ist Flauberts Madame Bovary. Die Protagonistin Emma Bovary ist permanent unzufrieden mit ihrem provinziellen Leben und flieht vor der tristen Wirklichkeit in die Welt kitschiger Romane, in denen „es nur so von Liebschaften, Liebhabern, Geliebten, verfolgten Edeldamen, die in einsamen Pavillons ohnmächtig niedersanken [wimmelte]“ (Gustave Flaubert, Madame Bovary, Bertelsmann Lesering, 1963, Seite 39). Obwohl sie als Frau eines einfachen Landarztes in einem kleineren Ort lebt, modelliert sie ihr eigenes Leben nach dieser Traumwelt, geht verschiedene außereheliche Affären ein und pflegt einen großbürgerlichen Lebensstil, der sie am Ende des Romans in den Ruin treibt.

Dreiecksbeziehungen

Girard beschreibt eine in den Werken der genannten Autoren wiederkehrende Dreieckskonstellation aus begehrendem Subjekt, imitiertem Vorbild und begehrtem Objekt. In Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ möchte der adelige Bürgermeister des Städtchens Verrières unbedingt, dass der junge Müllerssohn Julien Sorel Hauslehrer seiner Kinder wird. Sein wichtigstes Motiv ist der erwartete Prestigegewinn gegenüber dem Konkurrenten Valenod, Vorstand des Armenamts und zweitwichtigster Mann im Ort: „Der Valenod protzt neuerdings mit den zwei prächtigen Normannen, die er sich für seine Kutsche gekauft hat. Aber einen Erzieher für seine Kinder hat er nicht“ (Stendhal, Rot und Schwarz, insel taschenbuch, Frankfurt 2006, S. 20). Des Bürgermeisters Wunsch wird zur Manie bei der Vorstellung, Valenod könnte ihm zuvorkommen und seinerseits Julien ein Angebot machen. Bauernschlau nutzt Juliens Vater diese Konstellation aus, um den höchstmöglichen Preis für seinen Sohn herauszuschlagen. Girard unterscheidet zwischen der romanesken Wahrheit der nachahmenden Begierde, die Autoren wie Flaubert oder Stendhal erkennen und in ihren Werken offenlegen, und der romantischen Lüge, an die wir alle so gern glauben: der Illusion, dass unsere Wünsche uns allein gehören, dass sie spontan, individuell und unverwechselbar sind. Wie für die Poststrukturalisten ist für Girard das autonome Subjekt, das seine Welt aus sich selbst erschafft, eine metaphysische Illusion. Auch das „strukturelle Dreieck“ des Begehrens ordnete sich gut in den theoretischen Diskurs ein, von dem Girard als Professor an verschiedenen amerikanischen Universitäten umgeben war.

Feindschaft

Girard sah aber schnell, dass seine Grundthese des mimetischen Begehrens weitergehende Implikationen hat. Wenn zwei Menschen das Gleiche begehren, geraten sie zunächst in eine unbewusste Abhängigkeit voneinander. Sie fühlen sich gegenseitig in ihrem Verlangen bestärkt. Sie sagen sich, dass an dem begehrten Objekt etwas Besonderes sein muss, wenn der Rivale so verbissen darum kämpft. Was sich schwer erlangen lässt, erscheint dem Menschen umso attraktiver (weswegen die Verknappung von Gütern die beste Garantie für ein Ansteigen des Preises ist). Die ursprüngliche Konkurrenz um ein Objekt schlägt nach und nach in reine Prestigerivalität um. Die Rivalen sind vollkommen aufeinander fixiert, schaukeln sich in einem „mimetischen Wahn“ gegenseitig hoch und werden schließlich zu erbitterten Feinden. Das Objekt der Begierde gerät aus dem Blickfeld, die „Aneignungsmimesis“ wird zur „Gegenspielermimesis“. Girards Theorie macht die paradoxe Verbindung gegensätzlicher Emotionen wie Liebe und Hass verständlich, die wir „Hassliebe“ nennen. Neid und Eifersucht sind weitere Spielarten der mimetischen Rivalität. Es ist häufig nur ein kurzer Weg von der Bewunderung eines Vorbilds über den Neid bis zum blanken Hass. Man denke an einen Politiker, der Karriere macht und schließlich mit seinem ehemaligen Förderer um dessen Posten konkurriert. Die spätkapitalistische Gesellschaft ist geradezu prädestiniert für solche mimetischen Konstellationen, da sie sozial durchlässiger ist als jede andere zuvor. Diese Durchlässigkeit begünstigt Karrieren nicht nur. Vielmehr wird vom Einzelnen geradezu erwartet, dass er sich um sozialen Aufstieg bemüht und eine entsprechende „Upward Mobility“ zeigt.

Ansteckende Gewalt und Sündenbockmechanismus

Wenn zwei Rivalen dann buchstäblich aufeinander losgehen, sprechen wir von „Eskalation“. Diese hat das Potenzial, zunächst unbeteiligte Beobachter, Familienangehörige oder Freunde in ihren Strudel hineinzuziehen und schließlich wie eine Seuche die ganze Gesellschaft zu erfassen. Das gegenseitige Vertrauen geht verloren, die bestehenden Strukturen lösen sich auf, und das Chaos regiert. Zur Eindämmung der Gewalt hat sich Girard zufolge in der Menschheitsgeschichte ein fataler Mechanismus bewährt, den er den Sündenbockmechanismus oder das Prinzip des stellvertretenden Opfers nennt. Die Gewalt aller gegen alle wird auf ein einzelnes Individuum oder eine Gruppe von Individuen gelenkt. Der „Sündenbock“ wird aus der Gesellschaft verjagt oder getötet. Auf seinem Rücken gelingt es, die verlorengegangene Einigkeit wiederherzustellen und eine neue Ordnung zu errichten. Mythen und Rituale dienen dazu, die Erinnerung an die wundersame Heilung wachzuhalten und dadurch einer neuen Krise vorzubeugen.

Der Preis der Ordnung

Die Strukturalisten und Poststrukturalisten gingen wie gesehen von einem a priori existierenden System von Differenzen aus, das die Welt strukturiert, weil es in der Sprache und im menschlichen Denken angelegt sei. Dieses System lasse sich beschreiben – wie die Strukturalisten meinen – oder hintergehe einen bei diesem Versuch ständig – wie die Poststrukturalisten sagen. Girard glaubt ebenfalls an eine durch Differenzen strukturierte Ordnung. Er sieht darin allerdings nichts Vorgefertigtes, sondern das Ergebnis einer gewalttätigen Krise, in der alle Differenzen verlorengehen. Die Menschheit muss sich ihre differenzielle Ordnung immer neu erarbeiten und tut dies traditionell auf Kosten unschuldiger Opfer. Diese Wahrheit ist kein „textueller Effekt“, kein theoretisches Konstrukt. Girard wirft seinen auf die Sprache und das Denken fixierten Kollegen vor, dass sie sich von der Kategorie des Realen verabschiedet haben. Konzepte wie „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ sind im Poststrukturalismus verpönt. Bedeutung ist relativ, und das Postulat einer transzendentalen Wahrheit wird selbst als Gewalt betrachtet. Girard hält dagegen, dass das stellvertretende Opfer in der Menschheitsgeschichte nicht nur real, sondern DAS strukturierende Prinzip aller bisherigen Gesellschaften ist. Er zeichnet in seinen anthropologischen Schriften die Entwicklung der Menschheit vom archaischen Menschen- und Tieropfer über die rituelle Ausstoßung des „Pharmakos“ im antiken Griechenland bis zur Verfolgung der Juden im Mittelalter nach. Erst das Christentum habe den zuvor verborgenen Opfermechanismus in den Evangelien offenbart und zeige den Menschen dadurch einen Weg, sich ohne den bewährten Rückgriff auf die Gewalt gegen Sündenböcke zu versöhnen. Mit dem 1972 veröffentlichten und 1987 erstmals auf Deutsch erschienenen La Violence et le Sacré vollzog Girard den Wandel vom Literaturwissenschaftler zum Anthropologen und Religionsphilosophen.

Eine unangenehme Wahrheit

Bei der Verfolgung Unschuldiger handelt es sich um eine äußerst unangenehme Wahrheit, da wir selbst die Verfolger sind. Um dieser Wahrheit nicht ins Auge schauen zu müssen, beschäftigen wir uns lieber mit den Fehlleistungen unserer Mitmenschen. Wir spielen uns gern als Richter über andere auf, sehen den Splitter im Auge anderer, nicht aber den Balken im eigenen – wie es im 7. Kapitel des Matthäus-Evangeliums heißt. Man kann dem Poststrukturalismus zwar zugutehalten, dass er repressive Strukturen wie den westlichen „Ethnozentrismus“, der sich im Kolonialismus niederschlägt, oder den „Phallozentrismus“, die Vorherrschaft des Mannes über die Frau, „dekonstruiert“. Wenn man ihn zu Ende denkt, führt er jedoch zwangsläufig in eine Sackgasse des Relativismus und des Nihilismus. Girards Thesen sprengen dagegen die Grenzen von Literaturwissenschaft und Sprachphilosophie und animieren zu einer neuen Reflexion über die Verfasstheit der Welt. Man denke an die aktuelle Finanzkrise, in der immer wieder die „Ansteckungsgefahr“ beschworen wird, die von einer Staatspleite Griechenlands ausgehe. Intuitiv verstehen wir, dass die entscheidende Rolle dabei der dem Menschen eigene Nachahmungszwang spielt, den Girard in seiner „mimetischen Theorie“ beschreibt. Oder man betrachte die verzweifelten Versuche, im Krisenherd Naher Osten zu vermitteln, die immer aufs Neue am mangelnden gegenseitigen Vertrauen der Konfliktparteien scheitern. „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen“. Das berühmte Zitat des Dichters Theodor Däubler deckt sich mit dem pessimistischen Ton des jüngsten Girard-Werks „Achever Clausewitz“, das 2012 im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheinen wird. Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Unsere Aufgeklärtheit ist zugleich ein Fluch. Wir sorgen uns wie keine Gesellschaft zuvor um unsere unschuldigen Opfer und haben einen nie dagewesenen Gerechtigkeitssinn entwickelt. Damit ist aber auch das „sakrifizielle“ Fundament verlorengegangen, auf das frühere Gesellschaften gebaut waren. Es muss sich erst zeigen, ob wir in der Lage sind, den alternativen Weg der Versöhnung zu gehen. Anderenfalls wird ein dritter Weltkrieg, in dem ein bisher nicht gekannter Einsatz von Massenvernichtungswaffen droht, sehr wahrscheinlich der letzte sein.

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