Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges heißt es heute, die Nationen seien in diese bis dahin blutigste Konfrontation der Menschheitsgeschichte „hineingeschlittert“. Das ist – zumindest bezogen auf die letzten Jahrzehnte – ein Paradigmenwechsel, da zuletzt meist Deutschland allein oder hauptsächlich für die kriegerische Zuspitzung der Ereignisse nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers verantwortlich gemacht wurde. Man könnte sagen, dass in der öffentlichen Debatte die mythische Betrachtungsweise einem anthropologischen Realismus weicht, dessen geschichtliche Verortung im Mittelpunkt von René Girards Achever Clausewitz steht. In diesen Tagen erscheint Girards Werk aus dem Jahr 2007 endlich auf Deutsch.
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In den drei synoptischen Evangelien wird übereinstimmend berichtet, dass mit dem Kreuzestod Jesu der Vorhang im Tempel „von oben bis unten“ oder „mittendurch“ zerriss. Was auf den ersten Blick als Ornament erscheint, als eine Ausschmückung des von Wundern begleiteten Kreuzigungsereignisses, hat aus Sicht der mimetischen Theorie René Girards eine tiefere Bedeutung. Wie bei anderen Bibelstellen fordert Girard auch hier dazu auf, ihren Wortlaut entgegen dem liberalen Zeitgeist nicht weniger wörtlich, sondern so wörtlich bzw. ernst wie nur möglich zu nehmen. Konkret heißt das nicht, blind an dieses kleine Wunder zu glauben, sondern seine Symbolik zu verstehen, die ein viel größeres Wunder offenbart.
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Der mimetischen Theorie René Girards zufolge beginnt die Menschwerdung mit einem kollektiven Mord. Das Anwachsen des Mimetismus unter den Hominiden verstärkt die Gefahr, dass tierische Aggression nicht mehr durch die Bildung einer Rangordnung kontrolliert werden kann. In einer solchen Rangordnung wird das die Gruppe dominierende Tier durchaus nachgeahmt. Diese Nachahmung wird jedoch niemals zur „Aneignungsmimesis“, sie führt also nicht zu einer Konkurrenz mit dem Ranghöchsten um seinen Status. Alle Güter stehen zuerst ihm zu, und alle anderen erhalten, was er ihnen freiwillig überlässt. Seine Dominanz gewährleistet die Stabilität der Gruppe.
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Alfred Hitchcocks Meisterwerk Vertigo ist die Geschichte einer zerstörten Illusion. Mit seiner Demaskierung des romantischen Liebesideals könnte der Filmregisseur ebenso als Kronzeuge für die mimetische Theorie René Girards dienen wie die von Girard zu diesem Zwecke herangeführten Autoren der Weltliteratur. Die Unterscheidung zwischen „romantischer Lüge“ und „romanesker Wahrheit“, die Girard in seinem frühen Werk Mensonge romantique et verité romanesque aus dem Jahr 1961 trifft, lässt sich wie eine Folie über Hitchcocks drei Jahre zuvor entstandenen Film legen.
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Der Offenbarungscharakter des Christentums besteht darin, den Menschen die Wahrheit über die Mechanismen menschlicher Gewalt zu enthüllen und Ihnen dadurch einen Weg der Versöhnung zu weisen. So René Girard in seiner Mimetischen Theorie. Die Schilderung der Kreuzigung in den Evangelien hält den Menschen einen Spiegel vor und zeigt ihnen ihre Bösartigkeit. Deshalb heißt es bei Johannes: „Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind“ (Joh 7,7). Ein zentraler Bestandteil des Christentums ist daher die Idee der Umkehr. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ fordert Jesus im Markus-Evangelium. Umkehr ist gleichbedeutend mit Buße, und so wird die zitierte Bibelstelle auch übersetzt mit „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“.
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Der Haken an der von der Piratenpartei populär gemachten Schwarmintelligenz ist, dass es bekanntlich auch eine Schwarmdummheit gibt. Menschliches „Schwarmverhalten“ entsteht durch Nachahmung. Das kann man leicht testen, indem man in einer Menschenmenge plötzlich in die Luft schaut, als habe man etwas Außergewöhnliches entdeckt. Vermutlich werden es einem die direkten Nachbarn gleichtun, die dann wiederum ihre Nachbarn „anstecken“. Aus gleichgültigen Individuen wird eine erregte Menge, die in ihrer Konzentration auf das vermutete Ereignis vereint und nun anfällig für Gerüchte aller Art ist. Eine solche Gruppendynamik kann die vielfältigsten Formen und Stärken annehmen und gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen. Eine Garantie dafür, dass nur „vernünftiges“, moralisch akzeptables Verhalten nachgeahmt wird, gibt es nicht. Ein besonders drastisches Beispiel aus der jüngeren Geschichte für die potenziell destruktive Kraft einer erregten Menge oder eines aufgestachelten Mobs ist der Genozid in Ruanda.
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Viele Menschen wissen auch 11 Jahre später noch, wo sie am 11. September 2001 waren, als islamistische Terroristen in gekaperten Flugzeugen die beiden Türme des World Trade Centers in New York zum Einsturz brachten. Vielleicht liegt das am „heiligen Schrecken“, den solche Katastrophen verursachen und der sich in der paradoxen Doppelbedeutung „heilig“ und „verflucht“ des lateinischen Wortes sacer niedergeschlagen hat. Und der wohl auch für die irritierenden Äußerungen des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen verantwortlich ist, der in einem Pressegespräch auf die Frage eines Journalisten nach seinen persönlichen Empfindungen zu den Attentaten nur fünf Tage später erklärte:

Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat. Daß also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, daß Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben. [Zögert.] Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. (Quelle: http://www.stockhausen.org/hamburg.pdf)
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